"Hier." Er wirft ein Tütchen über den Tisch, es landet neben meiner Flasche Heineken. Ich schaue ihn eine Sekunde an, dann greife ich nach dem durchsichtigen, dünnen Plastik, lasse es zwischen meinen Fingern verschwinden.
"Okay", nicke ich ihm zu, erstaste in der Hosentasche den Inhalt des Tütchens. Nicht hart, nicht weich, irgendwie porös und knibbelig fühlt es sich unter meinen Fingernägeln an, ein Stückchen lässt sich sogar abdrücken.
"Wie immer?" Ich nehme einen Schluck Bier, stelle die Flasche mit einem Klonk wieder auf den Tisch.
Diesmal nickt er, sein Blick streift über den Marktplatz. Um diese Zeit sind Stühle und Tische besetzt, Kellner schleppen Bier, Cocktails und Shots, ihre Gäste feiern den Sommer und sich selbst. Stimmgeblubber hallt in Gassen wider, ungehört und vom Sommerwind getragen.
"Wie geht's Jonny?" Meine Frage scheint ihn zu überraschen - kurz. Früher oder später erkundigte sich jeder nach Johnny.
"Man hört nicht viel."
Seine Antwort ist kühl und irgendwie distanzlos, subjektiv, obwohl sie objektiv sein könnte. Sie lässt jede weitere Nachfrage im Kern sterben, ich nehme noch einen Schluck Bier, meine Finger spielen mit dem Aschenbecher.
Ich versuche, seinen Blick zu fangen, ihn festzuhalten, zu bannen.
Es gelingt mir nicht, stattdessen kramt er umständlich nach seinem Portemonnaie, fischt einige Münzen heraus. Mit Getöse klimpert er sie auf den Tisch, ein zehn Cent Stück rollt einen Zentimeter, kippt dann um und bleibt liegen.
"Ich muss wieder los. Meldest dich wieder, okay?" Wortkarg, mit einem kurzen Klopfen auf den Tisch steht er auf und geht.
Im Olivgrün seiner Chucks sind Löcher, auf die jeder Straßenpunk stolz wäre. Sein Gang ist irgendwie tänzelnd und hinkend gleichzeitig, es scheint, als würde er das rechte Bein ein wenig nachziehen. Die Jeansjacke, natürlicher used look, schlabbert um seine Hüfte, die Shorts hingegen sitzen einen Hauch zu eng. Hände tief in den Taschen, den Kopf erhoben schleicht er über das Kopfsteinpflaster, hinein in den Abend, ein Kind der Nacht.
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Montag, 29. August 2016
Donnerstag, 30. Juni 2016
Versetzt?
Auf dem Tisch ein Schälchen mit Sommerblumen, violett und blau. Zusammen mit dem Grün der Blätter eine frische und seltsam friedliche Kombination.
Sie sieht auf die Uhr. 19Uhr.
Ungelenk schiebt sie die Armbanduhr den Knöchel erst hinauf, dann wieder dorthin, wo sie zuvor war, ein roter Streifen bleibt.
Ein Kellner tritt an ihren Tisch.
"Darf ich Ihnen schon etwas bringen?"
Sie lächelt und betrachtet die schwarze Schürze, die sorgfältig um seine Hüfte gebunden ist. Einer dieser Bestell-Computer, neumodisch und irgendwie schick, steckt in der Schürzentasche, sie hat weder Namen noch Begriff dafür.
"Ich nehme zuerst ein Wasser", nickt sie, "ich erwarte noch jemanden."
"Sehr gerne!"
Sie blickt wieder auf die Uhr, 19:13Uhr.
Hatten sie sieben oder halb acht gesagt? Die Stirn in Falten gelegt zückt sie ihr iPhone, tippt kurz darauf herum und wühlt sich durch ihren Posteingang.
"Lass uns 19Uhr sagen, dann haben wir länger was vom Abend!"
Vielleicht steckt er im Stau. Ganz bestimmt steckt er im Stau, und das Handy hat er wahrscheinlich in der Tasche. Dann kann er ja gar nicht drankommen, um Bescheid zu sagen, dass es ein paar Minuten später wird.
"Ihr Wasser!", der Kellner stellt das Glas, in dem oben auf eine Zitrone schwimmt, vorsichtig auf dem Tisch ab. "Soll ich Ihnen schon mal die Karte..." "Danke, nein, ich warte."
19:20Uhr. Sie sieht sich um. Menschen, in Unterhaltungen vertieft, lagern auf den Stühlen in und vor der Bar. Einige spielen mit den Blumen in den viereckigen Schalen, andere knüllen Servietten zwischen den Fingern. Münder verziehen sich zum Lachen, Wortfetzen und Gesprächsknäuel dringen an ihre Ohren, ohne gehört zu werden.
"Dann haben wir länger was vom Abend!" Sie wiederholt die Worte in Gedanken, irgendwie haben sie einen gewissen Beigeschmack.
Dieser dämliche Stau...schimpft sie innerlich vor sich hin, bis ihr einfällt, dass es diesen Stau vielleicht gar nicht gibt.
Vielleicht hatte er einen Unfall, möglicherweise liegt er in diesem Moment in einem Rettungswagen, blutend, verletzt, und sie hat nichts Besseres zu tun, als langsam aber sicher sauer zu werden.
19:24Uhr.
Ein Schluck Wasser säuselt ihr die Kehle hinab, gegen die Trockenheit ihrer Lippen hilft es, die Bitterkeit bleibt.
Sie fährt sich mit den Fingern durch das Haar, das sie extra im Vormittag frisch nachblondiert hat. Es duftet noch nach der Pflegespülung der Blondierung, chemisch-süß nach Mango.
19:26Uhr.
Er wird nicht kommen. Nicht heute Abend, nicht irgendwann.
Sie atmet tief ein, stößt die Luft langsam wieder aus.
"Dann haben wir länger was vom Abend."
Das iPhone vibriert in der Tasche, die sie neben sich auf den leeren Stuhl gestellt hat. Ohne wirklich nachsehen zu wollen, beinahe widerwillig, zieht sie das Telefonwunder mit dem Apfel auf der Rückseite heraus.
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