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Freitag, 27. April 2018

Dancing through the trafficlights

Augen geschlossen, ich spuere die Stadt auf der Haut.
Autoabgase und Menschengeschnatter, das die Luft erfuellt.
Gespraechsfetzen, die durchmischt und miteinander verwoben
einen neuen Sinn ergeben.

Ich moechte mich dem Rausch der Stadt ergeben,
mich hingeben und mit jedem Atemzug
das Hier und Jetzt erleben.

Spueren, wahrnehmen,
lauschen.

Irgendwo lacht ein Kind,
es springt froehlich hinter Stadttauben her,
sein Gekicher ist ansteckend.

Eine alte Frau bleibt stehen,
verharrt einen Moment in der
Froehlichkeit des Kindes.
Vielleicht erinnert sie sich
an ihre eigenen Kinder,
ehe sie gross und selbststaendig waren.

Der Trubel des Nachmittags zieht mich
in seinen Bann,
ich moechte mich darin verlieren,
eins mit ihm sein und doch
beobachten.

Menschen, Gefuehle,
Emotionen.

Die Sonne wirft ihre Schatten
auf Haeuser und Autos,
ich lasse meinen Geist mit ihren
Strahlen fliegen.

Dienstag, 7. März 2017

Schneeglöckchen

Zwischen Schneeglöckchen, Erdklumpen und Eiskruste sudelte das Blut auf den Boden, das aus der gierenden Wunde zwischen ihren Schulterblättern quoll.
Zäh und langsam quälte es sich den Rücken hinab, hinterließ eine fragezeichengeschwungene Linie, die sich einem roten Faden ähnlich sogar über das Schneeglöckchenweiß erstreckte.
Sie würgte trocken, Tränen schossen ihr dabei in die Augen, wahrscheinlich das erste Mal.

"Du kannst mich mal!", ihre Kehle brachte nicht mehr heraus als ein Keuchen, das an das erstickende Schuhu einer Schneeeule erinnerte.

Er sah sie an, lange und irgendwie intensiv. Voller Gefühle, die sie nicht zu deuten wusste. Waren es Wut und Zorn? War es Trauer? Enttäuschung?
Während er zermürbend langsam den Kopf schüttelte, versuchte sie sich auf das Wesentliche ihrer momentanen Situation zu konzentrieren.

Wo war sie? Irgendwo in der Pampa, im Nirgendwo.
Kein Handyempfang,vermutete sie, wenn sie Glück hätte, GPS.
Wieso war sie hier? Ihr Kopf ratterte alles herunter, was er an Information über die letzten...acht, oder waren es neun? Stunden finden konnte.
Disco, Club, zu viel Alkohol - Fetzen, die ihr blitzlichtartig durch die Gedanken zogen und mit denen sie doch so wenig anfangen konnte.
Sie waren tanzen gegangen, wollten ein wenig feiern und ihren Spaß haben. Spaß.
All das schien ihr Jahre weit weg, gerade gab es nur sie, ihn und das Blut, das literweise aus der Klaffwunde auf ihrem Rücken sprudelte. Sie blickte unter sich und sah die rotgesprenkelten Schneeglöckchen.
"Scheiße!", entfuhr es ihr.

"Wunderschön, sehen sie aus, nicht wahr?"
Seine Stimme war ruhig und kratzig, hatte einen Hauch Monotonie an sich, der sie anwiderte. Zu viel Selbstverständlichkeit, zu viel Alltag.
"Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!"

"Einen Scheißdreck werd ich tun, du Monster!" Obwohl sie am ganzen Körper zitterte, kamen die Worte laut, deutlich und selbstbewusst zwischen ihren Lippen hervor.
Sie versuchte sich aufzurichten, bei jeder noch so kleinen Bewegung schienen sich abertausende Messer zwischen ihre Schultern zu bohren.

Stunde um Stunde zog an ihrem Auge vorbei, ohne dass sie sich richtig oder überhaupt daran erinnern konnte. Was war geschehen nachdem sie im Club angekommen waren?

Um sie herum Musik, mit der man Zimmerpflanzen zum Eingehen brachte und Kakteen sterben lassen konnte.
"Wer von euch wollte eigentlich hierher kommen?"
Worte, die leichtfüßig zwischen ein paar "Prost" dahingesagt waren.
Irgendwer hatte sie von hinten gegen einen ihrer Kumpels geschubst, eine Sekunde lang hatte sie dabei in ein Gesicht sehen können, ohne sich jedoch zu merken, wie es ausgesehen hat.
Ein Allerweltsgesicht, nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches.
Ein Mann mit Dreitagebart und stumpfen Augen. Vielleicht zugedröhnt, vielleicht auch nur betrunken oder am Nachdenken.
Sie hatte ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt, war zu sehr damit beschäftigt gewesen, mit ihren Kumpels Blödsinn zu machen.

Jetzt kniete sie auf der Erde, während ihr Blut die weißen Schneeglöckchen befleckte und sie schuldig aussehen ließ.




Mittwoch, 15. Februar 2017

Zartleicht

Pastellfarben schleicht der Mittwochmorgen sich
in die Gemüter der Menschen, die so mutig waren,
in den minus zwei Grad Celsius  kaltenTag zu starten.
Zärtlich gefroren sind Autoscheiben,
die Nacht hat mit Kristallfingern
Eisgespinste darauf gemalt -
Kunstwerke, deren Einzigartigkeit durch
Sonnengold zerstört wird.

Während langsam die Stadttauben ihr Gefieder im
Flusskühl erfrischen, ziehen sich die täglichen Blechkarawanen
durch Asphaltkurven, Stoßstange an Stoßstange.
Busse parken wie Lastkähne in den Wellen des Morgens,
der über ermüdet schauende Fußgänger hinweg schwappt.

Halb abgestanden, halb ausgehaucht duftet der
Morgen zwischen Häusern und Gassen,
wo Obdachlose in Wohnungseingängen
ihr Dasein fristen.
Oder die Nacht verbringen,
Ansichtssache.

Erste Sonnenstrahlen kitzeln Nasen,
eine Krähe fegt im Tiefflug über den Verkehrsknoten,
der sich im Herzen der Stadt
verworren hat wie ein altes Wollknäuel.

Montag, 9. Januar 2017

Eiskristall

Eiskristalle hängen wie Kronleuchter in der Luft,
wenn man genau hinsieht,
kann man erkennen, wie sie schillern.
Hart wie Diamanten und doch
zart wie Federn schwingen sie
zur Erde,
tonleise, fast heimlich.

Beim Einatmen brennen sie in Nasen-
und Lungenflügeln,
sie kitzeln im Haar und manchmal, wenn man ganz
genau hinhört,
kann man den ein oder anderen
Menschen über sie schmunzeln hören.

Eiskristalle,
sie glitzern so endlos wundervoll
im Sonnenlicht,
wenn sie haltlos zur Erde fallen,
wo ihnen ihr grauses Schicksal bevorsteht.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Unglück

Atemlos kam er zu sich, im Bett sitzend, seine Frau neben ihm. Sie schnarchte leise, wahrscheinlich lag sie auf dem Rücken. Mit einem Blick vergewisserte er sich, ja, Rückenlage, den Kopf nach hinten überstreckt. Eine Hand friedlich in die Bettdecke geballt, die andere irgendwo im Kopfkissen. Langsam beruhigte sich sein Atem, langsam bekam er seine Gedanken wieder unter Kontrolle. Ein Traum, mehr nicht. Ein furchtbarer Traum, der ihn aus der Bahn geworfen hatte. Er… War das Rauch, was sich schwer auf seine Lunge legte beim Einatmen? Er schnüffelte intensiver, schloss die Augen, um jede olfaktorische Schwankung wahrzunehmen. Rauch, eindeutig! Weiß und wabernd kroch er hinein in ihre Schlafzimmer, setzte sich im Läufer fest und vernebelte die Sicht zum Wandschrank. Vom Fenster fiel ein Lichthauch hinein, die Straßenlaterne schenkte der Nacht ihre LED-Kühle.
„Schatz, Liebling, wach auf!“, seine Stimme krächzte tonlos, als er sie unsanft an der Schulter wachschüttelte. „Es brennt!!!“, heiser und rau klang der Schrei, er hatte selbst keine Ahnung, woher er die Kraft nehmen konnte. „Wir müssen raus hier!“ Sein Hirn ratterte, während seine Frau sich im Bett langsam aufrichtete. Ihre Knochen taten immer so weh, jede kleine Bewegung kostete sie enorme Anstrengung. „Hm?“ Mit einem Satz war er aus dem Bett, woher kam nur all diese Energie? „Es brennt, Liebling, wir müssen aus dem Haus!“ Tränen traten in die Augen seiner Frau, ihr Mund verzog sich wie bei einem trotzigen Kind. „Warum!“ Keine Frage, sondern eine Aussage, die beinahe pampig im Rauch hängen blieb. Sie musste husten, das Beißen der Schwaden kroch in ihren Hals und von da aus in Bronchien und Lunge. Hier, zieh dir das über“, er warf ihr eine dicke Weste von sich selbst hin, mehr Zeit war nicht. Draußen dröhnte schon das Martinshorn der anrückenden Feuerwehr, Blaulichtschimmer überzog die Dächer der Nachbarschaft bereits. Ruhig, bleib ruhig, beschwichtigte er seine aufkeimende Panik, alles wird gut. Sein Blick fuhr gehetzt über Wandschrank und Rollstuhl, wie sollten sie das nur schaffen? Wahrscheinlich war in der Wohnung im Erdgeschoss, bei diesen Yuppies mit ihren ewig qualmenden Schundschloten eine Kippe auf einen Teppich gefallen. Oder sie waren eingeschlafen. Oder.. Keine Zeit, andere zu verurteilen, er musste handeln, ihr Leben hing davon ab!
Mühsam hatte seine Frau sich inzwischen auf die Bettkante gehievt und ließ ihr Bein auf den Boden hängen. Der Stumpf berührte die Matratze und reichte gerade ein kleines Stück darüber, die Schlafanzugshose bedeckte ihn jedoch. „Und jetzt?“ Sie sah ihn an, ihren Mann, der eigentlich eher ein Herr war. Ein feiner Herr, wie sie schon damals gedacht hatte, als er ihr in dem kleinen Fotogeschäft des erste Mal begegnet war. Ihre Augen fixierten ihn, sie suchte seinen Blick, suchte Antworten auf ihre Frage. Eingefroren in blaues Gletschereis schien der Augenblick, nur der Rauch quoll inzwischen dicker und schwärzer unter der Türspalte durch. Wenige Minuten waren erst vergangen, zwischen dem abrupten Aufwachen des Mannes und der Frage der Frau, die ohne ihren Rollstuhl praktisch verloren war. Steif und unbeweglich, mit trüben Augen und müde. „Wir müssen raus!“, fauchte er fast. Sie lachte, kalt und ohne eine Spur Humor in der Stimme. „Und wie?“ War es Verzweiflung, die sein Gesicht dunkler werden ließ oder benebelte der Rauch inzwischen auch ihre Wahrnehmung? „Ich hol‘ dich!“ Ohne ihr Protestieren abzuwarten, war er um die Bettkante herum und versuchte, ihren Körper in seine Arme zu wuchten. „Wir schaffen das, ja?“
Vor ihrer Schlafzimmertür polterte es, ehe ein Feuerwehrmann in den Raum gestolpert kam. Mit Atemschutzmaske und Taschenlampe rief er raus, ohne sich umzudrehen: „Zwei Personen, lebend im Schlafzimmer. Wir brauchen eine Trage!“

Freitag, 25. November 2016

Kopfhörer

Knall mich voll mit Musik,
Kopfhörer krasseste Lautstärke,
Kein Limit.
Welt aus,Gedanken an,
Im Rhythmus der Lyrics.
Halb gerappt,halb gesungen.
Irgendwie voller Melodie,
Schmerzhaft.
Ein Song im Loop,
Ertrage keinen andren,
Mein Herz schlägt
In diesem Moment
Nur einen Beat,
Wieder und
Wieder.
Kopf wippt,
Augen geschlossen.
Knall mich voll mit Musik,
Welt aus,Herz an.

Donnerstag, 29. September 2016

Der Junge

Ich fließe durch die Stadt, Samstagmittag. Horden von Teenagern jagen durch Shops und Boutiquen, tütenweise Schnäppchen schleppend. Familien mit kleinen und größeren Kindern flanieren Eis essend durch die Fußgängerzone. Wortgeblubber in Französisch, Deutsch, Englisch und Arabisch dringt an meine Ohren, während herbstlicher Wind Regenwolken davonträgt, die knallvoll über der Stadt hängen.
Knistern und Rascheln von Einkaufstüten untermalt die Monotonie von Musik, Räuspern, Husten und fröhlichem Geschnatter im Einkaufscenter. Hell und einladend ist die überdachte Ladenstraße, lockt mit mancherlei Angebot. Düfte, süß wie der Weihnachtsabend, wabern zwischen den samstäglichen Besuchern umher, verführen mit ihren Verheißungen. Brezeln, Kaffeeteilchen, Donouts, dazu lieblich Cappuccinodunst und Kakaosehnsucht.
Alles leuchtet und schillert, fast ist es eine Augenweide zuzusehen.
Ohne Hektik lasse ich mich treiben, mitreißen, fortspülen, wie Treibholz in einem Fluss. Wohin bringt mich die nächste Woge, wohin zerrt mich der übernächste Strom.
Smartphonemenschen mit Steifnacken strömen mir entgegen, vertieft in ihre Virtualität, während das Leben um sie herum in vollen Zügen stattfindet.
Irgendwo im ersten Obergeschoss bleibe ich stehen, muss mich orientieren. Boutiquen und Läden, soweit das Auge reicht. Jemand geht an mir vorbei, sein Geruch streift mich; irgendwas zwischen alter Pilzsuppe und Aftershave, das günstige.
Während mein Blick schweift, trällert auch mein Smartphone, ich ignoriere es.
„Mein Schatz, wir können uns das nicht leisten! Es geht wirklich nicht! Es tut mir Leid“
Ich hebe die Augen, versuche zu erkennen, wer die Worte gesprochen hat, die mir eine Gänsehaut verursacht haben. Die Stimme war hell und sanft, trotzdem robust, als wüsste sie, wie man den Strapazen des Lebens begegnet. Und definitiv die Stimme einer Frau, überlege ich, ehe ich sie sehe.
Zusammen mit einem Jungen, acht oder neun Jahre alt, steht sie ans Geländer gelehnt, hält seine Hand in ihrer und mit ihren Augen seinem Trotzblick stand. Ein wenig Traurigkeit zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, undeutlich nur, kaum wahrzunehmen um die Augen herum. Im Gesicht des Jungen spiegelt sich dagegen alle Traurigkeit der Welt, gepaart mit Wut und Unverständnis. Sein Kinn bebt, wenn ich das auf die Entfernung sagen kann, als würde er jede Sekunde zu weinen anfangen.
„Wir können uns das nicht leisten!“
Die Worte hallen in meinem Kopf nach, ganz langsam verarbeitet mein Verstand sie. Eine Mutter, die dem kleinen Jungen aus Geldnot etwas verwehren muss. Ein Impuls schiebt mir einen Kloß in den Hals, ich habe das Gefühl, kaum mehr atmen zu können.
Weder Mutter noch Sohn sehen arm aus, gute Mittelschicht, denke ich. Ordentlich sind die Schuhe, die Jacken waren wohl etwas teurer. Keine Markensachen, diesen Firlefanz kann man getrost in diesen Schickimicki-Läden ruhen lassen.
Dezent geschminkt die Mutter, die Haare des Jungen kurz und modisch verstrubbelt. Eine Jeanshose mit Spiderman-Gürtel, Grundschul-Chick.
Und dazu das Kopfschütteln der Mutter.
Beide schweigen, sehen sich in die Augen, bis der Junge dem Blick ausweicht. Langsam, kraftlos und kapitulierend nickt er, wickelt sich dabei fester in die Jacke, obwohl die Temperatur im Einkaufcenter angenehm ist. Sanft legt seine Mutter ihren Arm um seine Schultern, er lässt sie hängen. Liebevoll schiebt sie den Kleinen Richtung Rolltreppe, kommt mir entgegen.
Ich suche an des Jungen Stelle ihren Blick, lächele sie mild an. Beinahe entschuldigend sieht sie aus, senkt die Lider und fährt die Rolltreppe hinab, während ich meinen Weg in den Samstag nehme.

Mittwoch, 28. September 2016

Der Mann mit den schwarzroten Ringelsocken

Kulisse: Theater im Schlosskeller. Ein spanisches Stück steht an, Musiktheater. Ich bin gespannt, so viele Aspekte häufen sich. Das Stück: spanische Sprache. Übertitel: deutsch. Bedeutet, mitlesen, die ganze Zeit. Falls es viel zu lesen gibt, man sagt ja, die Musik trägt ihre Geschichte auch ohne Sprachverständnis. Abwarten. Die Bühne: ich selbst habe vor vielen Jahren hier das Tanzbein geschwungen, war Bräutigam einer nicht ganz so grazilen Braut, die -wie ich selbst- etwas unbeholfen über den Holzboden geschlittert ist. Ein Grande Finale, schillernd das Kostüm, leuchtend die Augen der jungen Ballerinen. Groß der Applaus, stolze Eltern, die vielleicht die Chance erwitterten, dem Nachwuchs einst auf internationalen Bühnenbrettern applaudieren zu können.  
Ein weiterer Schritt Richtung Berufswahl, Berufswunsch: eine Kritik schreiben, über Wohl und Wehe des Stückfortgangs entscheiden, oder auch nicht. Karten sind bereits reserviert, der Saal füllt sich zusehends. Geblubber des Publikums, Schauspieler der billigen Plätze. Jacken knautschen und rascheln, Absätze schick angezogener Damen kratzen grässlich über den bedielten Boden. Musik vom Feinsten. Links eine Reihe vor mir, zum Ausgang hin, ein ältere Herr. Lederjacke, weiße kurze Haare, Brille. Ein standardisierter älterer Herr, sein Hemdskragen schaut über den Rand der Jacke. Eine Jeans an seinen Beinen vervollständigt das Bild, sein Outfit. Ein Bein ruht locker auf seinem Oberschenkel, Anzugsschuhe lugen darunter hervor. Er blätter in einem Flyer, wahrscheinlich einer von denen, die beim Kartenverkauf ausgelegen haben. Von der Seite kann ich seine Augen hin- und herblitzen sehen, wie er Buchstabe für Buchstabe studiert. Seine Hände hält er ruhig, sie zittern nicht, liegen entspannt auf dem Bein. Ich betrachte den älteren Herrn von meinem Platz aus, sympathisch scheint er mir. Ein Zeitgenosse, mit dem man ein Bier so wie eine Wagneroper überstehen und anschließend diskutieren kann. Ein wenig muss ich lächeln, all diese Dinge schweben durch meinen Kopf, während mein Blick auf seinen schwarzroten Ringelsocken verharrt.

Sonntag, 18. September 2016

Ölgemälde

Wenn aus Nacht Tag wird,
wir ewig in Deckentürmen liegen und uns
vom Muhen der Kühe sanft in den Schlaf wiegen lassen, 
während vor dem Fenster Regen zeitlupengleich auf Ziegel 
tropft,
spüren wir
unser Leben
am meisten.
Wie auf einem Ölgemälde ruht mein Kopf
in deinem Schoß, 
oder dein Kopf in meinem, 
so genau kann ich mich nicht erinnern, 
an die Stunden des unendlichen Morgens.
Du streichst über mein Haar,
dein Blick verliert sich irgendwo.
Lächeln umspielt deine Lippen,
verliebt.
Du beugst dich zu mir hinab,
küsst mich liebevoll -
als ich die Augen wieder öffne,
ist es Abend.


Freitag, 16. September 2016

Stadt im Regen

Ich ging heute durch die Stadt.
Es regnete und ich hatte weder Schirm noch
Kopfhörer bei mir.
Tief in meine Weste gekuschelt folgte ich
meinen Füßen, die auf dem Nass des Bodens leicht dahinglitten.
Aus dem Sommer war inzwischen September geworden,
auch er war schon zur Hälfte vorbei.
Es duftete nach Stadtherbst, nach Blätternass
und Brezelschwaden,
nach Coffee to go und
neuen Schuhlieferungen bei Deichmann.
So frisch dekoriert sahen die Schaufenster
nett aus,  hübsch und adrett,
Stolperfallen einer heruntergekommenen Konsum-
gesellschaft. Ich warf ihnen nur einen Blick zu
und vergaß im nächsten Atemzug, was ich ich
gesehen hatte.
Oktoberfest war die Jahreszeit,
die die Menschen gerade feierten.
Weißwurst, Bierzelte, Weißblaue Rauten überall -
Fremdenscham statt Fremdenhass.
Meine Gedanken gingen zusammen mit mir spazieren,
als ich heute im Regen durch die Stadt lief,
ich atmete durch. Ließ jede Gedankennuance
zu Wort kommen, spürte jeder Illusion beinahe sehnsüchtig nach.
Menschen kamen mir entgegen,
ihre Gesichter irgendwie griesgrämig und eintönig,
dabei war der Regen so frisch und leicht.
Es war der erste Tag seit langem, der sich
Grau in Grau in Grau in Grau
präsentierte und nicht so richtig hell werden wollte.
Ich sah in die Gesichter des Menschenstroms,
gegen den ich schwamm, suchte nach Blicken,
nach Worten, nach Lächeln.
Ich suchte vielleicht nach Regungen menschlichen Daseins,
vielleicht ließ ich mich aber auch nur dahintreiben.
Ein Blatt im Wind,
ein Ast im Fluss,
eine Fliege im Spinnennetz.
Ich hielt einen Moment inne, ordnete meine Gedanken,
schüttelte den Kopf und ging weiter.
Nass waren meine Schuhspitzen inzwischen,
möglicherweise hätte ich nicht gerade weiße Stoffsneaker anziehen sollen,
heute morgen.
Vor einer Ewigkeit.
Ich ging durch die Stadt,
im Regen, während ich Menschen ansah und meine
Gedanken an der Hand neben mir spazieren führte.


Montag, 12. September 2016

Ich dachte

"Ich dachte, du liebst mich!", sagte sie und sah ihn an.
Stumm und mit diesem Blick in den Augen, der ihn seit Monaten schier in den Wahnsinn trieb. Ihre Lippen schmollten, sie hatte wieder die Spottfalte um den Herzchenmund, den er zu Anfang so gerne geküsst hatte. Zu Anfang.
Er seufzte.
"Kannst du bitte mal was dazu sagen?" Die Stimme so voller Vorwurf, so voller... Er sparte sich die Mühe nach weiteren Beschreibungen zu suchen.
"Was soll ich denn sagen?"
"Vielleicht, wieso du deine Kollegin gevögelt hast?"
Wut. Wut lag in ihrer Stimme. Vorwurf und Wut, meistens waren es die beiden Färbungen, die ihr Tonfall annahm, wenn ihr Herzchenmund mal wieder Gehässigkeiten ausspie. Wie ein Drache, nur nicht ganz so liebenswürdig.
Er zuckte die Schultern, konnte sehen, dass sie das noch mehr in Rage brachte.
"Ich dachte, ich liebe dich...", griff er ihre Streiteingangsfrage auf. Immerhin konnte sie ihm nicht vorwerfen, er höre nicht zu.
"Was?!" Farblos war ihre Stimme plötzlich. Wie eine graue Ziegelsteinwald, von der man die Graffitis abgewaschen hatte.
Schlagartig wurden ihre Augen, in denen er schon vorher verdächtigen Schimmer festgestellt hatte, nass. Aus dem Saphirgrün perlten Tränen, hinterließen regentropfengleich Spuren auf ihrem Shirt.
"Ich dachte das mit uns wäre etwas Besonderes, etwas, das nur wir haben..." Hilflos nestelte sie an einem Fingernagel herum, riss ihn ab, während ihre Worte ertranken.
Er konnte es nicht leiden, wenn sie das tat. Mit hochgezogener Augenbraue beobachtete er eine Sekunde den Nagelrest, der sich in der Shirtfalte auf ihrem Bauch fing.
"Das war allein deine....Interpretation. Ich habe das so nie gesagt!" Cool und beherrscht lehnte er sich auf dem Sofa zurück.
"Es geht nicht darum, was du gesagt hast, sondern wie es rüberkam und  wie es sich angefühlt hat!" Sie weinte, als sie mit krausen Gedankengängen um sich warf. Der Damm war endgültig gebrochen, die Schleuse stand sperrangelweit offen.

Irgendwie hatte er Hunger. Vielleicht konnte er später noch mit Chris einen Döner essen gehen. Oder zu Bastian ein Bier trinken.
Ihr Schluchzen riss ihn aus seiner Abendplanung, richtig, hier gab es noch eine Schlacht zu schlagen. Das letzte Gefecht, sozusagen.
Sein Fremdgehen war mit einem Mal nicht mehr Vorwurf Nummer 1, dachte er in einem Anflug von Zynismus.
"Du hast mich nie geliebt Wirklich nie?" Rotz lief ihr aus der Nase, wanderte Richtung Herzchenmund. Er brauchte eine Sekunde, sich von dem Anblick zu lösen, ein Ekelschauer überlief ihn.
"Ich hab's versucht, ich hab's mir eingeredet", sein Blick ging nach unten, vielleicht war er ihr schuldig, so zu tun, als würde er die Tatsache, sie nicht lieben zu können, ehrlich bedauern. "Es hat nicht geklappt!" Ob seine Stimme sich so kalt anhörte, wie die Worte eisig aus ihm hervorsprudelten?

"Du hast es VERSUCHT?" Ihre Worte überschlugen sich, Tränenbläschen spritzten wie Meeresgischt  durch die Spannung der Luft.
"Bin ich so ein Ekel, dass man hartnäckig versuchen muss, mich zu lieben?" Die Mascara lief ihr in Strömen übers Gesicht, irgendwie hatte sie was von einem schwarzweißen Clown. Nein, berichtigte er sich. Clowns waren lustig. Oder zumindest gruselig. Sie war gerade einfach jämmerlich.

Er schüttelte den Kopf, wollte ihren Blick mit seinem festhalten.
"Hey..." Sollte er ihren Arm streicheln? Er machte Anstalten dazu, doch sie drehte sich entschlossen weg. Funken sprühten nun aus dem Spahirgrün ihrer Augen.
"Fass mich nicht an!", zischte sie. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sich ihr Nackenhaar aufgestellt hätte wie bei einer wütenden Katze.
"Ich bin fertig mit dir! Ich will dich nie wieder sehen!" Die Worte schossen ihm entgegen, schleuderten in Saltos um seine Ohren und schenkten ihm ein Gefühl von Freiheit. Freiheit, endlich wieder.
Langsam nickte er. "Okay."
"Mehr hast du nicht zu sagen? Nur "okay"?" Verachtung.
"Nein. Nur okay."
Er stand auf, sah sich nochmal in ihrem Wohnzimmer um, schnappte sich seine Autoschlüssel und das Smartphone. Ohne ein weiteres Wort verließ er die Wohnung, zog die Tür hinter sich ins Schloss und freute sich über das Geräusch, mit dem sie ihn verabschiedete.
"Ich dachte du liebst mich!", hörte er sie auf der Straße weinen.

Samstag, 10. September 2016

Bahnhofs-Charakter

Am Bahnhof festkleben,
Keinen Schritt vor den anderen
Setzen können.
Flüssigkeiten verschiedenster Art,
Angetrocknet,
Flecke auf Verbundstein.
Es riecht nach Pisse und Verspätung.
Irgendwo raschelt das Burgerpapier von letzter Nacht
aufdringlich im Fahrtwind eines dahinkriechenden Güterzugs.
Dreckfetzen wirbeln unter der
Überdachung am Bahnhof,
Wo Schuhsohlen am Boden
Festkleben.

Freitag, 9. September 2016

Wir ergötzen uns

Wir verschwenden Lebenszeit und
sparen Datenvolumen,
nur um fetten Frauen im Netz
beim Verschlingen von 5000kcal
am Stück zuzusehen -
bodyshaming to go.
Wir ergötzen uns auf Twitter
an Gesichtern der Not und des Leids,
nur um dem Gutmenschentum,
dem heiligen,
gerecht zu werden.
Wir zersäbeln die Erde,
unterwerfen sie, erforschen sie -
Alles in Auftrag und Sinne der
Wissenschaft.
Wir pflanzen Strommasten,
warten bis sie blühen
wie die Wildrosen,
die wir im Staub zurückgelassen haben -
vielleicht treiben sie aus,
irgendwann.
Unser Leben hat online
mehr Bedeutung als analog,
Follower sind die besseren Freunde,
während die Sucht nach den
täglichen Likes niemanden mehr
in die Stammkneipe treibt abends.

Mittwoch, 7. September 2016

Er sitzt

Auf seinem Hocker, zwischen all diesen Menschen, die vorüber hetzen und für die jeder Tag gleich ist, sitzt er. Tag ein, Tag aus. Er sieht Regen und Sonne, spürt den Wind auf seinen Wangen, obwohl er ihn schon lange nicht mehr wahrnimmt. Vielleicht seit zwei Jahren, oder doch seit zwei Jahrzehnten? Es spielt keine Rolle mehr, redet er sich ein, während ein Hund auf Augenhöhe an ihm schnuppert. 
Vor seinen Füßen stapelt sich Kleingeld im Kaffeebecher von Starbucks, achtlos hineingeworfen, ein Cent, zwei Cent, ein Euro. Von seinem Hocker aus kann er sehen, dass es noch nicht einmal genug sein wird für... Wofür eigentlich? Kaffee? Eine warme Mahlzeit? Tee? Schon lange wusste er nicht mehr, was er wirklich wollte, was sein Körper brauchte, wonach er verlangte. Hier und da schmerzte ihn der Rücken, die Knie taten ihm vom täglichen Sitzen weh, irgendwie waren sie steif und unbeweglich geworden.
Er reibt sich durchs Gesicht, rau, beinahe ledrig fühlt es sich an. Eine Sekunde erschrickt er, fängt sich aber schnell und lenkt seinen Blick zurück auf die Straße. Zurück zu den Menschen, die er schon lange nicht mehr verstehen kann. Seit zwei Jahren vielleicht, oder auch seit zwei Jahrzehnten. So genau weiß er das nicht mehr, eine Rolle hat es wahrscheinlich noch nie gespielt.
Er sitzt auf seinem Hocker, in der Stadt, und beobachtet Menschen, die leblos ihre Zeit vergeuden.

Dienstag, 30. August 2016

Entschuldigung, sitzt mein Nasenpiercing noch richtig?


Die Luft steht in dem Studio, das sich an den Klassenraum angliedert. Muffig und irgendwie abgestanden, seltsam schal und scharf dringt Staub in unsere Nasen, legt sich auf unsere Bronchien.
Wir machen hier jetzt mal Fotos, guckt euch mal um und macht euch einen Lichtaufbau, wie ihr das aus euren Studios kennt!“ Die Lehrerin, altersmäßig schwierig einzuschätzen, sportlich gekleidet und mit blond-dunklen Haaren lässt sich auf den Hocker fallen, der vor dem Studiorechner steht. „Mal sehen, was sich hier so über die Ferien getan hat...“ Sie blickt auf den Bildschirm, drückt Tasten und gibt Passwörter ein, verbindet die Kamera mit dem iMac.
Wir stehen zu viert im Halbkreis, sehen uns an, S lacht schief. „Wir haben bei uns ein Haarlicht, eine Softbox und ein Hintergrundlicht, das einen Verlauf zeigt“, beginnt er, nestelt dabei irgendwie an seinem Tshirt herum. R nickt. „Wir haben kein Haarlicht, aber dafür noch einen Aufheller dazu.“ Ich überlege kurz. „Wir benutzen je nachdem das Haarlicht, haben aber auch eine Softbox, einen Aufheller und ein Hintergrundlicht.“
Die Lehrerin schaltet sich wieder ein, sieht S direkt an. „Dann würde ich doch sagen, wir fangen mit deinem Aufbau an. Bau du dir, wie du es gewohnt bist und es fotografiert dich dann jemand.“
Zusammen bauen wir Lampen und Lichter auf, verlegen Kabel und arrangieren uns mit dem Stromgenerator, bis unser Hintergrund dunkelgrau lichthell ist.
So S, das ist dein Aufbau, wer fotografiert dich jetzt darin?“ Ich mache einen Schritt nach vorne, nehme von der Lehrerin die Kamera in Empfang. S setzt sich auf den runden Winzhocker, von dem auf beiden Seiten ein wenig seiner Masse herabhängt. „Lass mich bitte dünn aussehen!“ Er lacht. Ich mag Menschen, die über sich selbst lachen können und nicht toternst sterben müssen. Langsam lockert sich die Stimmung, auch R und M lachen, aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie unsere Lehrerin sich entspannt.
Setz dich bitte mal ein wenig seitlicher, dreh deine Beine nach da“, als wäre er ein Bewerbungsfoto-Kunde im Studio postiere ich ihn, rücke ihn ins rechte Licht. Er lächelt mich freundlich an, wackelt dann irgendwie mit der Nase.

Entschuldigung, aber sitzt mein Nasenpiercing noch richtig?“

Ich lasse die Kamera vor meinen Augen sinken, starre S‘ Nase an und muss lachen. Auch R und M lachen, die Lehrerin beugt sich nach vorne, betrachtet sich ebenfalls ausgiebig die Nase ihres neuen Schülers. „Ähm.. ja, kann man so sagen!“
Was soll da denn nicht sitzen?“ R japst leicht nach Luft. „Na, ob das Septum schief oder gerade ist, Mann!“ S fummelt an seinem Piercing herum, goldfarben ist es und wirkt in seinem Gesicht irgendwie verloren. Zusammen mit den Stracciatella-Tunnels ergibt sich jedoch wieder ein Bild, das mich zufrieden stimmt. Ein sympathischer Typ, geht mir durch den Kopf, während ich versuche, sein leichtes Übergewicht auf dem Foto für den neuen Schülerausweis zu kaschieren.

Montag, 29. August 2016

Auf ein Bier mit dem Dealer

"Hier." Er wirft ein Tütchen über den Tisch, es landet neben meiner Flasche Heineken. Ich schaue ihn eine Sekunde an, dann greife ich nach dem durchsichtigen, dünnen Plastik, lasse es zwischen meinen Fingern verschwinden.
"Okay", nicke ich ihm zu, erstaste in der Hosentasche den Inhalt des Tütchens. Nicht hart, nicht weich, irgendwie porös und knibbelig fühlt es sich unter meinen Fingernägeln an, ein Stückchen lässt sich sogar abdrücken.
"Wie immer?" Ich nehme einen Schluck Bier, stelle die Flasche mit einem Klonk wieder auf den Tisch.
Diesmal nickt er, sein Blick streift über den Marktplatz. Um diese Zeit sind Stühle und Tische besetzt, Kellner schleppen Bier, Cocktails und Shots, ihre Gäste feiern den Sommer und sich selbst. Stimmgeblubber hallt in Gassen wider, ungehört und vom Sommerwind getragen.
"Wie geht's Jonny?" Meine Frage scheint ihn zu überraschen - kurz. Früher oder später erkundigte sich jeder nach Johnny.
"Man hört nicht viel."
Seine Antwort ist kühl und irgendwie distanzlos, subjektiv, obwohl sie objektiv sein könnte. Sie lässt jede weitere Nachfrage im Kern sterben, ich nehme noch einen Schluck Bier, meine Finger spielen mit dem Aschenbecher.
Ich versuche, seinen Blick zu fangen, ihn festzuhalten, zu bannen.
Es gelingt mir nicht, stattdessen kramt er umständlich nach seinem Portemonnaie, fischt einige Münzen heraus. Mit Getöse klimpert er sie auf den Tisch, ein zehn Cent Stück rollt einen Zentimeter, kippt dann um und bleibt liegen.
"Ich muss wieder los. Meldest dich wieder, okay?" Wortkarg, mit einem kurzen Klopfen auf den Tisch steht er auf und geht.
Im Olivgrün seiner Chucks sind Löcher, auf die jeder Straßenpunk stolz wäre. Sein Gang ist irgendwie tänzelnd und hinkend gleichzeitig, es scheint, als würde er das rechte Bein ein wenig nachziehen. Die Jeansjacke, natürlicher used look, schlabbert um seine Hüfte, die Shorts hingegen sitzen einen Hauch zu eng. Hände tief in den Taschen, den Kopf erhoben schleicht er über das Kopfsteinpflaster, hinein in den Abend, ein Kind der Nacht.

Samstag, 27. August 2016

Immer Donnerstag I

"Einen Milchkaffee, bitte!" Betty lächelt die Barista mit dem Halstuch in Himmelblau an. "Sehr gerne, darf es sonst noch etwas sein? Ein Stück Kuchen vielleicht?" Einen Moment überlegt Betty, schüttelt dann aber den Kopf. "Nein, danke, ich nehme nur den Kaffee." Die Barista nickt freundlich, stellt eine schöne, geschwungene Tasse unter die Kaffeemaschine und drückt den Knopf. Knatternd rattert  das Mahlwerk, Kaffeebohnen verlieren sich im Sog des Strudels, werden zu fein duftendem Pulver verarbeitet, um im nächsten Augenblick im kochenden Wasser die Metamorphose zu Bettys Bestellung zu vollenden. Während die Barista ein Milchkännchen aus Metall unter die Aufschäumdüse hält, tobt draußen in der Haupteinkaufsmeile der Stadt der Donnerstagmorgen.
Lieferwagen, Geldtransporter, Menschen mit Tüten in den Händen stehen sich gegenseitig im Weg und blockieren die Fußgängerzone. Baustellenlärm dröhnt, die Glasscheiben des Cafés halten nur wenig davon ab.
Bettys Blick ruht eine Sekunde auf dem Leben vor der Tür, kehrt dann aber in das Café zurück, köstlich duftend steht ihr Milchkaffee inzwischen auf der Theke vor ihr.
"2,80€, bitte!" Auch die Barista blickt zur Tür hinaus, eine Augenbraue hochgezogen. "Heute wird es wieder laut... Oh, Ihre Freunde sitzen schon alle da!" Betty drückt der jungen Frau mit dem Halstuch in Himmelblau drei Euro in die Hand. "Stimmt so!" Sie lächelt, die Barista lächelt zurück. "Ist mal wieder Donnerstag, nicht wahr?" Betty nickt, hebt ihre Tasse vorsichtig am Unterteller hoch und freut sich, dass sie neben dem Tütchen Rohrzucker -wie immer donnerstags- einen Keks findet. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und bis nächste Woche!", verabschiedet Betty sich, während sie aus der Tür hinaus und auf ihre Freunde am Tisch unter dem großen Sonnenschirm zugeht.

Montag, 22. August 2016

Die sterbende Fliege in der Ecke meines Computerbildschirms

Feierabend, beinahe. Ich rieche fast schon den süßlichen Gestank der Heimfahrt im Zug. Zu viele Menschen auf zu kleingeratenen Sitzen, deren Samtstoffbezug schon vor fünf Jahren hätte ausgetauscht werden müssen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, während mein Blick fest auf den Computermonitor vor mir gerichtet ist. Ausschnitt vergrößern, Pickel mindern, Fliegehaare entkräuseln.
Draußen rauscht die Stadt mit ihren Geräuschen. Menschen streiten, Kinder quietschen, irgendwo lamentiert ein Betrunkener. Neben Tütenrascheln und Pommer-Knistern  schnüffeln Hunde durch das Meer aus Fußgängern, immer auf der Spur nach dem letzten Wurstzipfel.
Ein Blick auf die Uhr -oben rechts im Monitor- verrät mir, noch knapp 35Minuten.
Still ist es im Büro, nur das Klicken mit der Maus hallt unendlich laut von den Vierwänden wider.
Während ich nach der Flasche  auf meinem Schreibtisch greife, um den letzten Schluck Sprudelwasser  zu trinken, wird mein Blick von einer nahezu mikroskopisch kleinen Bewegung auf dem Monitor festgehalten. Die Flasche in meiner Hand schwebt eine Sekunde über der Tastatur, ich kneife die Augen zusammen.
Oben rechts, ganz in die Ecke gekauert, sitzt etwas Schwarzes. Zusammengeknäuelt, ein Häufchen Ichweißnichtwas. Zaghaft stupse ich das Etwas mit dem Kleinen Finger an, es surrt unter der Berührung, bewegt sich träge. Verkriecht sich weiter in den Monitorwinkel und scheint doch irgendwie auf dem Präsentierteller zu liegen.
Eine Stubenfliege im letzten Stadium ihrer Entwicklung. Musca domestica, zum Sterben bereit. Ich betrachte sie einen Moment, irgendwo regt sich Mitleid, allerdings nur so zaghaft, wie das Tierchen auf meinem Monitor.
Sollte ich ein schlechtes Gewissen wegen meines fehlenden Mitleids haben? Ein Hauch Selbstzweifel ziehen am Horizont meiner Gedanken auf, ähnlich langsam wachsenden Gewitterwolken. Die Fliege summt leise, sortiert ihre Beinchen, putzt sich nochmal die Knitterflügel.
Wahrscheinlich spürt sie, wie ihre Kräfte sie langsam verlassen, wie sie immer müder und schwerer wird, wie ihr jede Bewegung anfängt Schmerzen zu bereiten. Sie weiß nicht, wieso oder warum, und letztlich spielt es keine Rolle für sie. Sie wird sterben, vielleicht noch nicht einmal mehr zehn Uhr heute Abend erleben.
Ich sitze einfach da, starre auf die sterbende Fliege in der Ecke meines Computerbildschirms und weiß nicht, ob ich Mitleid haben soll.

Samstag, 20. August 2016

Menschen sehen

Menschen sehen. Sie nicht nur als Körper wahrnehmen, der auf zwei Beinen über Stock und Stein oder manchmal auch durch Gassen stolpert.
Menschen richtig sehen.
Hinter Fassade und Maske, hinter ihre Shirts von Esprit und die Jeans von C&A.
Menschen sehen, Körper zusammen mit ihren Gedanken und Ängsten, ihren insgeheim versteckten Sorgen und Wünschen.
Ihre Geschichte sehen, verstehen, ohne zu verurteilen.
Vorurteilsfrei über abgenutzten Asphalt schlendern und den Menschen ins Gesicht sehen.
Lächeln.
Weil hinter jedem Wimpernschlag unzählige Geschichten warten.

Freitag, 19. August 2016

Wenn nachts

Wenn nachts Fragen dich nicht schlafen lassen, wie fühlst du dich dann?
Zermürbt, zerknirscht, zerkaut und ausgespuckt? 
Wenn nachts die verdammten Schafe zu träge sind, über diesen Zaun zu springen, hinein in Träumereien, wie geht es dir dann?
Zerrissen, verloren und hoffnungslos?
Wenn nachts Ideen fließen und du Hochleistungseinfälle tetrisartig im Kopf stapelst, 
was denkst du dir?
Vergeblich, umsonst, zwecklos?
Wenn nachts der Mensch, den du liebst, sich zu dir dreht, um den Arm um dich und all deine Fragen zu legen, springt dann nicht dein Herz vor Glück?
Könntest du dann nicht deine traumlosen Schafe umarmen, deine Fragen wie Seifenblasen zerplatzen lassen und deine Ideen für den nächsten Morgen aufheben? 
Wenn nachts der Mensch, den du liebst, seinen Arm um dich legt, genieße mit ihm zusammen  Weichheit und Reinheit des Dunkel.