"Mami, können wir gehen?" Seine Hand zog an meinem Shirt, ich wedelte sie irgendwie weg. "Mami!!!!" Nachdruck und Quengelei in seiner Stimme, die sonst eher piepsig und hell war, ohne jede Spur von Trotz oder kindlicher Ungeduld.
"Einen Moment noch...", hörte ich meine eigene Stimme von weit her, als wäre mein Kopf in Watte gepackt. Oder in diese Polsterfolie, die man um Glas- und Keramikvasen stopfte, damit sie beim Umzug nicht zu Bruch gingen.
"Mami, ich will jetzt gehen!" Der Zug an meinem Shirt wurde verstärkt und tatsächlich schaffte der Kleine es fast, mich zu Fall zu bringen.
"Ich hab gesagt, einen MOMENT NOCH!" Auch ich hatte nur Nerven und die wurden gerade mehr als auf die Zerreißprobe gestellt.
Der Kleine zuckte zusammen, seine Finger ließen den Shirtzipfel los und ich fühlte mich blitzartig befreit.
Ich sah an ihn an.
Sein Kinn bebte, als würde er jeden Augenblick zu weinen anfangen und in seinem Augenwinkel glänzte es unheilvoll.
"Setz dich da hinten hin, bis ich fertig bin!" Hart und unnachgiebig schallten ihm meine Worte entgegen, beinahe wie Ohrfeigen.
Er nickte stumm, wischte sich mit dem Handrücken durchs Gesicht und zog die Nase hoch.
"Scheiße!"
Ich fluchte laut, blickte wieder unter mich und erinnerte mich daran, warum ich war, wo ich war.
Eingesperrt in einer Kirche, auf dem roten Teppich kniend, der vor dem Altar lag, Kerzenflackern um mich herum. Vor mir die Leiche einer Unbekannten, wunderschön sah sie aus.
Auf ihrer Stirn blühte frisch eine Blutrose, eingebettet in ihre reine Haut. Haarsträhnen verteilten sich wirr darüber, mir war, als würde das schokoladenfarbene Brünett ihre tote Anmut besonders unterstreichen.
Mit dem rechten Zeigefinger strich ich der Toten über die Wange, eiskalt fühlte sie sich an, irgendwie taub. Ihre Augen, weit aufgerissen, faszinierten mich. Was hatte sie in ihren letzten Momenten, in ihren letzten Atemzügen gesehen? Was hatte sie gedacht, was gefühlt? Eine seltsame Mischung aus Unruhe und Neugier befiel mich, je länger ich meine Hand auf der Wange der Frau hatte.
"MAMI!"
Ich erschrak vor der Stimme, die mich wieder aus der Trance riss und in die Realität zurückbrachte.
"Können wir gehen?"
Posts mit dem Label Kind werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kind werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, 1. Januar 2017
Mami, können wir gehen?
Labels:
EsKommtNochEineFortsetzung,
IWillTellYouSomething,
Januar2017,
Kind,
Kirche,
Leiche,
Mord,
NeuesJahrNeueAufgaben,
snowcakeofice,
Story,
Storytelling,
Tote,
Unfall
Sonntag, 21. August 2016
Luftballon
Ich sah dem Luftballon nach, der vom Wind immer weiter in den Himmel getragen wurde. Mal kippte er nach links, mal nach rechts, nur um in der nächsten Sekunde wieder schnurgerade aufzusteigen. Der Faden an seinem Ende bewegte sich mit den Luftströmungen, mir war, als würde er zum Abschied winken.
Es war September geworden, irgendwie. Juni, Juli und August hatten sich davon geschlichen, auf Samtpfoten, stolz wie eine Perserkatze.
Meinen Luftballon konnte ich kaum noch erkennen, ein Farbklecks am Himmelsgrau, so weit weg von der Erde.
Schauer überliefen mich, ich spürte, wie der Wind die Fährte einer einzelnen Träne auf meiner Wange nachzeichnete. Sie trocknete schnell und brannte sich mir doch tief in Herz und Seele.
"Mama, wirst du mich immer lieb haben?"
Die Frage hallte in meinen Ohren, wieder und wieder sah ich mich, meinem Kind über seine
Wuschelhaare streichend.
"Ich werde dich immer lieb haben!"
"Auch in tausend Jahren noch?" Seine Frage war so voll kindlicher Sorge, dass sich mein Hals zuschnürte.
"Auch in tausend Jahren noch!" Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange, er drehte den Kopf unwirsch weg, dachte kurz nach. Seine Stirn legte er dabei in Falten und sah für einen Moment aus, wie ein sehr kleiner, sehr alter Mann in Batman-Pyjama.
"Mama...und wenn ich tot bin, wirst du mich dann immer noch lieb haben?" Ich konnte sehen, wie seine Augen, weit aufgerissen und so unglaublich grün, nass wurden und seine Nasenflügel zu beben begannen.
"Ja, mein Schatz, auch wenn du tot bist, werde ich dich immer noch lieb haben!"
"Gut!" Er nickte und schmiegte sich zufrieden in meine Arme, eine Träne rollte einsam seine Wange hinab und landete auf einem der vielen Schläuche, die seit einigen Monaten zu seinem Körper gehörten.
Ich sah auf das Kind, das sich in meine Arme kuschelte und schluckte. Schluckte einfach alles hinunter, was sich in diesem Augenblick in mir aufbäumte, ich schob es nach hinten. Weit nach hinten, die Zeit würde kommen, alles hinauszulassen, aller Wut, allen Tränen, all den zu vielen Gefühlen freien Lauf zu lassen.
Es war September geworden. Und zusammen mit den Herbstwinden war meine Zeit gekommen. Meine Zeit, loszulassen, zuzulassen. Mein Kind in Frieden ziehen zu lassen.
Ich sah ins Himmelsgrau hinauf zu der Stelle, an der ich meinen Luftballon zum letzten Mal gesehen hatte und weinte.
Labels:
Bunt,
Eltern,
Emotion,
Gefühle,
Grau,
GrauerHimmel,
Himmel,
Kind,
Luftballon,
Mutter,
Natur,
Sommer2016,
Sturm,
Trauer,
Traurigkeit,
Wind,
Wut
Abonnieren
Posts (Atom)