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Donnerstag, 12. September 2019

5 Minuten Natur

Sie klettern und scharren im Dreck. 
Am Boden, 
außerhalb 
unseres Fokusbereichs. 
Klein und emsig, 
ihr Leben lang (a lifetime), 
sagt man ihnen nach. 

Staatsstruktur - Diktatur; 
Regelwerkkonform kriechen sie umher,
schleppen Vorräte in ihren Bau, den
Uneinnehmbaren.

Reparieren, gestikulieren, organisieren.

Plötzlich ein Aufschrei -
unhörbar,
gesetzt mit Duftmarken.
Ein Feind naht! Gefahr!

Panik. Chaos. Verwirrung.

Für uns, die sich im oberen Bereich der Erde finden.

Unaufhaltsam sind sie
in ihrem Tun,
lassen sich nicht bremsen,
kennen keine Pause.

Die Ameisen sind unter uns.

snowcakeofice.


Mittwoch, 11. September 2019

Zeitungen der Welt

Ich lese die Zeitungen der Welt
wie Science-Fiction-Romane von Tolkien.
Oder wie Comics. Mit Bildern so bunt
wie eine Tüte Haribo - nur, dass
darüber weder Kinder noch Erwachsene
froh sein können.

snowcakeofice.

Dienstag, 10. September 2019

Mit Dir

Ich will mit Dir
fallen, 
will mit Dir 
fliegen. 
Will lachen
und 
weinen - 
vor Freude und 
Schmerz. 
Will Dich in meinen
Armen halten, 
bei dir sein.
Ich will mit Dir 
streiten, 
will mich mit Dir
versöhnen. 
Ich will Dich. 
Ohne Wenn.
Ohne Aber. 
Dich. 

snowcakeofice.

Montag, 9. September 2019

Fünf Minuten

Fünf Minuten Glück - 
ähnlich zuzubereiten 
wie 'ne 5-Minuten-Terrine
von Maggi. 
Oder? Oder. 

Fünf Minuten Glück - 
endlose 300 Sekunden, 
gespickt mit dem Ticken des 
Sekundenzeigers auf meiner 
Uhr. 

Tick. Tick. Tick. Ticktick.

Was anfangen mit fünf Minuten Glück?
Wie es am besten verbringen, 
den meisten Nutzen haben, 
das Beste herausholen?

Nachdenken. 
Eis essen. 
Insta checken (neue Likes zählen zehn Glück-
sekunden extra!) 

Was, die fünf Minuten sind (schon) vorbei?! 

 snowcakeofice.

Freitag, 22. März 2019

Strudel

(C) snowcakeofice_fotograefin.

Unsere Tage dauern 24 Stunden
und sind doch viel zu kurz.
Zu kurz, um all die Augenblicke und
Momente
intensiv auskosten zu können.
Zu intensiv sind sie,
um sie ungenutzt verstreichen
zu lassen.
Wir verfangen uns in Minuten,
wie eine Fliege im Netz
einer Spinne.
Wir kleben aneinander,
nicht bereit,
loszulassen.
Unsere Herzen schlagen,
im Gleichtakt,
unsere Gedanken
ergänzen sich.
Am Ende jeden Tages
stellen wir uns die Frage,
wohin all die Stunden
gezogen sind,
wo wir unsere
Minuten verloren
haben.


snowcakeofice.

Donnerstag, 28. Februar 2019

Zu viel.

Wir sitzen uns gegenüber,
in diesem Café,
wo es einzigartige Schokolade
zu Trinken gibt. Die mit den
Marshmallows.

Wir sitzen uns gegenüber;
beim Reden hauchst
du mir deinen Kaffee-
Atem entgegen - bitter und warm.
Es stört mich kaum.

Ich halte mich an meinem
Glas Wein fest
wie ein
Ertrinkender.
Dabei mag ich keinen Wein.
Weder roten noch weißen;
weder trocken
noch süß.

"Manche Situationen verlangen nach außergewöhnlichen Maßnahmen!"

Heute scheint eine
solche Situation zu sein.

Wir sitzen uns gegenüber,
seit zwei Stunden schon.
Ich hatte zu viel Wein,
den ich nicht mag.

Du hattest zu viel Kaffee,
den du nicht
leiden kannst.

Dein Blick irrt im Raum
umher, irgenwie.
Es gibt Nichts,
woran er sich festsehen
könnte.

In meinem Kopf dreht sich
alles,
kann ich noch
klar denken
oder bin ich
betrunken?

Dein Blick trifft mich, unstet.
Du versuchst zu lächeln,
doch irgendwie
wird eine
Grimasse daraus.

Ich hatte zu viel Wein.
Du hattest zu viel Kaffee.
Wir sitzen uns gegenüber
in diesem Café
mit der ganz besonderen
Schokolade
und wissen nichts
miteinander
anzufangen.

snowcakeofice.
 

Montag, 11. Februar 2019

Kornblumen-Romantik || Anti-Stadtkind

Am Autobahnrand blühten die Kornblumen und ich wusste, es war
Sommer.
Einer dieser Sommer, die Sonnenbräune einbrannten, als würde sie für die Ewigkeit in der Haut haften.
Wie die Kornbumen am Rande der von Blechlawinen überrollten Einöde,
war die Sonnenbräunen-Ewigkeit eine Lüge.
Ein Trugbild, das lange Abende mit Cocktails und Freunden vorgaukelte.
Im Kohlendioxid-Rausch schwangen die
Blaublütigen
sanft umher, neigten ihr Haupt
hierhin  
und
dorthin.

Ich schmeckte Sonne auf meinen Lippen,
dieser
einzigartige Geschmack,
für den es keine Worte gab,
ihn zu beschreiben.

Ein Stadtkind bin ich, dachte ich.
Dann parkte ich meine eigene
Blechlawine
am Straßenrand.

//

Während ich ausstieg, schlug mir
die Hitze der letzten Tage
unbarmherzig entgegen.
Abgestanden, schal und
muffig kam sie daher,
überfiel mich und machte mir
das Atmen schwer.

| Bin ich ein Stadtkind? |

Ich lief durch Straßen und Gassen,
es war noch vor zehn Uhr am Morgen, doch schon jetzt reflektierte
der Asphalt kochend die Wärme.
Atemlosigkeit hing wie eine
Erinnerung über allem.
Menschen schleppten sich,
samt ihren Einkäufen,
durch die Fußgängerzonen -
ihre Gesichter unentspannt wie
an einem vor Tristesse strotzenden Tag Mitte November.
Ich musste an Wald, Bäume und
freie Felder denken.
Wo Vögel sangen und
Kornblumen in Kornblumenblau
erstrahlen konnten.

Irgendwie wurde ich traurig.

Ich dachte an Bäche und verwunschene Flussläufe, 
wo die Zeit immer
stillzustehen schien.
Ich dachte an Strände und das Meer,
an Möwen und
feinen Seewind auf der Haut.
Einsamkeit - Abgeschiedenheit vielmehr-
war so viel reizvoller als
Betonklotzreihen,
die noch nichtmal vor Googles Street-View-Kamera
ansatzweise nett aussahen.

Bäume,
domestiziert und eingezäunt,
Sinnbilder städtischen Lebens.

snowcakeofice.


Sonntag, 10. Februar 2019

Der Baum

Ich sah diesen Baum... Und ich
kam nicht umhin,
(C) Snowcakeofice
ihn lange
schweigend
anzusehen.
Als er mir seine Geschichte
zu Ende erzählt hatte,
liefen Tränen
meine Wangen hinunter
und
ich ging langsam auf ihn zu.

"Ich verstehe Dich",
flüsterte ich in Gedanken,
während ich die Hand ausstreckte,
um seine Rinde
zu berühren.

Im Herbstwind wirbelten
ein paar seiner Blätter.

snowcakeofice.                                           

Donnerstag, 24. Januar 2019

Weißt Du...

Schlohweiß mein Haar,
ein Hauch Lila hat sich
in feinen Strukturen verfangen -
austauschbar.
Mein Style fällt auf,
wenn ich wie Du durch
Stadtgassen schleiche
- katzengleich.
Du sagst, du hast dein
Lebensallerlei
so satt.
Du erzählst mir Geschichten
von Abenteuern und Freiheit,
vom Lagerfeuer am Meer,
direkt hinter den Dünen.
Was hält dich von all dem ab,
will ich wissen.
Du zupfst dir eine Strähne
aus den Augen und ich
sehe, wie Dein Blick
stumpf wird.
Sollte er nicht leuchten und
glühen?
Du seufzt. Knabberst an deinem
Daumennagel.
Weißt Du... setzt Du an und
versäumst am Meisten, zu Dir
selbst
ehrlich zu sein.

Draußen ist es wundervoll,
es duftet nach Sommer, Wasser-
Melone und Lavendel.
Viel zu Schade, den Tag nur
in den eigenen vier Wänden
zu verbringen.

Weißt Du..., Dein Blick wird noch matter.
Ich habe keine Zeit dazu.

Keine Zeit? , frage ich dich.

Ich weiß, die Fragen sind dir unangenehm. Aber manchmal
muss man sich den un-
an-
genehm-
en Fragen des Lebens
stellen.

Ich helfe Dir dabei.
Ich bin da.

snowcakeofice.

Montag, 5. November 2018

Ich möchte mein Herz tanzen sehen


Wie jeden Morgen, verknautscht im Bett liegend,
mit dem Wecker diskutieren.
Zwischen zwei Snooze-Intervallen Sinn
und Unsinn des Sich-Erhebens abwägen,
um letztlich doch zu kapitulieren.

Raus aus Kissen und Decken,
hinein in die Realität.
Wie immer.

Kopf gesenkt, erstes Ziel: die Kaffeemaschine.
Zischend und fauchend füllt sich die Tasse
mit der dunklen Brühe, lebensrettend.

Im Radio melden sie eine Dauerbaustelle,
schon seit Wochen fordert sie die Geduld
der Menschen.

Der Tag ist grau und hell.
Wolken dekorieren den Novemberhimmel und
es fühlt sich an wie immer.
Ein Tag, wie jeder andere.
Ein Tag zum Arbeiten.
Wie immer.

Den Geschirrspüler anschmeißen,
ein paar Brotkrümel wegwischen -
für mehr ist keine Zeit.

Keine Zeit.
Dauerbaustelle.
Ein Tag wie jeder andere.

snowcakeofice.







Freitag, 27. April 2018

Dancing through the trafficlights

Augen geschlossen, ich spuere die Stadt auf der Haut.
Autoabgase und Menschengeschnatter, das die Luft erfuellt.
Gespraechsfetzen, die durchmischt und miteinander verwoben
einen neuen Sinn ergeben.

Ich moechte mich dem Rausch der Stadt ergeben,
mich hingeben und mit jedem Atemzug
das Hier und Jetzt erleben.

Spueren, wahrnehmen,
lauschen.

Irgendwo lacht ein Kind,
es springt froehlich hinter Stadttauben her,
sein Gekicher ist ansteckend.

Eine alte Frau bleibt stehen,
verharrt einen Moment in der
Froehlichkeit des Kindes.
Vielleicht erinnert sie sich
an ihre eigenen Kinder,
ehe sie gross und selbststaendig waren.

Der Trubel des Nachmittags zieht mich
in seinen Bann,
ich moechte mich darin verlieren,
eins mit ihm sein und doch
beobachten.

Menschen, Gefuehle,
Emotionen.

Die Sonne wirft ihre Schatten
auf Haeuser und Autos,
ich lasse meinen Geist mit ihren
Strahlen fliegen.

Freitag, 23. März 2018

Bad weather.

Augen zu, ich drücke aufs Gaspedal.

Die Sonne geht gerade auf, ich fahre in das Rotglühen des Himmels - das Wetter wird schlecht heute.

Linke Spur, Vollgas.
Oder fast, der Hyundai vor mir bremst mich aus.
Vollidiot.
Ich bin genervt, will weg, einfach weg.

Kilometer um Kilometer ziehen an mir vorbei,
im Rückspiegel verabschiede ich mich leise von ihnen.
Macht's gut, wir sehen uns.

Augen auf, ich bin müde.

Ein Schluck Kaffee aus dem heimatlichen Coffee-To-Go-Becher.
Kein Zucker, ein Schuss Kondensmilch, zweimal gerührt.

Ich öffne das Fenster, Morgenluft mit Abgasen und Benzin erfüllt schnell das Wageninnere.

Das Radio spielt mir das Lied vom Tod, ich würde mich gerne berauscht fühlen.
Doch stattdessen eisklare Gedanken, sie klirren in meinem Kopf und lassen die Zähne klappern.

Sechster Gang, 160km/h. Mein Ziel liegt irgendwo,
hinter meinen Gedanken, vielleicht.
Direkt links neben den Gefühlen.

Inzwischen steht die Sonne höher, der Feuerball, gebettet in Zuckerwatte.

Während ich auf den Endzeithimmel zusteuere, läuft im Radio Stairway to Heaven.

snowcakeofice.

Mittwoch, 7. März 2018

Einkaufsbummel

Mit ihren Louis Vuitton-Taschen balancieren sie die Fußgängerzone entlang.
Vorbei an all den Bettlern, Punks und Normalsterblichen, darauf achtend, mit den Hologramm-Schuhen von Versace nicht im Alltagstrott stecken zu bleiben.

Die Banane klebt ihnen am Hinterkopf wie Chanel No. 5 am Handgelenk und im Haaransatz.

Noch schnell zu Starbucks auf einen High-end-Kaffee - man gönnt sich ja sonst nichts.

Tütenweise chauffieren sie ihre wöchentliche Klamotten-Dosis aus den In-Boutiquen der Stadt nach Hause, standesgemäß im Porsche Cayenne. Sonderausstattung.

Ehe sie die Kiesauffahrt Richtung Villa erklimmen, ein Zwischenstopp im Feinkost-Bio-Laden - Lebensmittel von der Stange kommen ihnen nicht in den gelddurchtränkten Jutebeutel.

Verheißungsvoll knistert Seidenpapier auf dem Wohnzimmertisch, wenn sie den Gatten, müde geshoppt und hochadrenalisiert, die Beute präsentieren, die sie kommende Woche wieder zum Einkaufsbummel in die Stadt ausführen werden.


snowcakeofice.


Mittwoch, 25. Oktober 2017

Kursiv

Dunkelheit umgab sie, zusammen mit Rauch, der in Kringeln um ihren Kopf aufstieg. Irgendwo gluckerte es, Wasserrohre. 
Jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken, selbst ihr eigener Atem sorgte für Gänsehaut, die sich ihr tief in die Magengrube einpflanzte. Wann war es Abend oder sogar Nacht geworden?
Sie tippte auf das iPhone auf dem Tisch vor ihr, sein Leuchten schmerzte in den Augen und sie musste blinzeln. Kurz nach Mitternacht. 
Seit wann saß sie hier? Ihre Finger waren taub vor Nässe und bebten vor Kälte. Vergeblich versuchte sie, sich am Zigarettenstummel zu wärmen. 

Irgendwo in der Ferne konnte sie einen Lichthauch erkennen, unwirklich und unnahbar. Eine Familie, die über einem Spieleabend die Zeit vergessen hatte. Menschen, die miteinander diskutierten oder vielleicht gerade von der Spätschicht  nach Hause gekommen waren. 
"Hallo Schatz, ich bin daheim. Wie war dein Mittag?" 
Floskeln, die zwischen Kühlschranktür und Feierabendschnaps hin- und herflogen und die Beständigkeit eines Schneemanns im Sommer hatten. 
Sie seufzte und zog die Beine auf dem Gartenstuhl näher zu sich heran. Deutlich konnte sie den Herbst spüren, der schon fast im Begriff war, zum Winter zu werden. Zart wippte sie hin und her, nagte an der Unterlippe, auf der noch ein Rest des schokoladenfarbenen Lippenstiftes war, den sie heute Morgen aufgelegt hatte.
Heute Morgen. 
Wann war das schon?

Stunden waren vergangen, seit... Ja, seit wann eigentlich? 

Sieh hin, sieh es dir an! Etwas Kleines, aber unheimlich Lautes in ihrem Kopf zwang sie, den Blick nach unten zu richten. Obwohl sie so viel lieber weglaufen und sich irgendwo verstecken wollte, blickte sie nach unten. Schmerz durchfuhr sie ruckartig, sie rang nach Atmen. Rang nach Leben, wie die Kreatur unter ihr noch vor wenigen Minuten. 
Schau genau hin, was kannst du sehen?
Halt die Klappe, sei still! Kein Ohrenzuhalten der Welt konnte ihr helfen, kein Zähneknirschen, kein Brüllen. 
Sollten ihre Augen sich nicht mit Tränen füllen und sollte sie nicht eigentlich Angst und Scham, vielleicht Reue empfinden? Bitterkeit stieg in ihr hoch, vergiftete ihre Gedanken und ließ sie kalt lächeln. 
"Dein Wimmern war...erbärmlich!",stieß sie zwischen ihren Schneidezähnen hervor, die so fest zusammengepresst waren, dass ihr der Kiefer wehtat. 
Sie stupste das Bündel vor ihr mit dem rechten Fuß an, es gab unter der Berührung leicht nach. Das Schnauben, das ihr entrang, war verächtlich. 
"Du hast gedacht, dein Betteln würde dir helfen!? Du hast wirklich gedacht, ich würde meine Meinung ändern, nur weil du `Bittebitte` gewinselt hast?" 
Unruhig ging sie auf und ab, an ihrer Fußspitze klebte eine Mischung aus Staub, Blut und Wut. 
Beinahe bedächtig schloss sie die Lider, sah weiße Blitze vor sich und dunkelgrüne Mandelaugen, die sie angsterfüllt anstarrten. Mandelaugen, kalt und regungslos, verloren in Ausdruck und Gedanken. 
"Fick dich!", hatte sie gehaucht als sie mit ihrem Messer weiße Haut durchtrennte. Sanft und leicht war die Klinge durch Gewebe und Hautschichten geglitten, hatte Fasern zerschnitten und Hoffnungen zerstört. 
"Zeig mir dein Lächeln", ihre Stimme war ruhig und erregt vor Freude gewesen, ihr Werk zu Ende zu bringen. Ihr Werk. Ihre Arbeit. Ihr Stolz. 

Erst als Blut quoll und sich mit Staub zu einer Masse verband, war sie zu sich gekommen. Hatte auf das Messer in ihren Händen geblickt und auf das Menschenknäuel, das sich zu ihren Knien zur Seite krümmte. 
"Fuck!" 

Stundenlang hatte sie neben dem toten Körper gesessen, gekniet, gelegen. Ihren Kopf auf die Brust gelegt, die sich nie wieder heben und senken sollte, um frische Sommerluft nach einem Winter voller Schnee und Glühwein einzuatmen. 
Narzissenschwer war ihr Herz für den Bruchteil eines Augenblicks geworden. 

Sie zündet die letzte Zigarette an, die sie in dem John Players-Päckchen finden kann, das seine besten Zeiten bei weitem hinter sich hat. Der blaue Dunst in der Nachluft tanzt mit dem Mondlicht und sieht gespenstig und mild aus. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und sie zieht die zerschlissene Wolldecke fester um ihren Körper. 


Montag, 14. August 2017

Leuchtturm

Städte liegen uns zu Füßen 
auf unsrem Roadtrip, 
wir bezwingen Meer und Wind und Sand. 
Wir tauchen ein in Wunderwelten 
und Extrema.

Während wir handverschlungen 
durch Amsterdams Straßen flanieren, 
feiern wir uns. 
Hinein in den Sonnenuntergang, fünfundvierzig 
Minuten Bibliotheksruhe genießen, 
Ausblick vom Dach. 

Meerduft folgt uns, 
wohin unser Weg auch führt.
Ich schaue sie an, vollendet glücklich, verliebt,
während ihre Augen fest auf die Straße gerichtet sind.

Unterwegs Richtung Freiheit, 
Unterwegs Richtung Glück. 


03.08.2017 

Freitag, 24. März 2017

Seifenblasen in der Stadt

Ich lief Seifenblasen pustend
durch  Stadtstraßen und beobachtete,
wie der Tag unterging.
Längst waren goldene und blaue Stunde
vorübergezogen, Menschen
schalteten Lampen und Lichter
in Zimmern und Kammern an.

Abendbrotzeit,
Beisammensitzen und Stunden Revue
passieren lassen.
Zusammensitzen und streiten.
Zusammensitzen und Probleme wälzen.
Zusammensitzen.
Oder alleine auf einer Couch,
vollgestopft mit Kissen und 
Einsamkeit.

Der Duft nach Frühling überwältigte mich
und zerblies meine Seifenblasen.
Sie verteilten sich in alle Richtungen,
zerstreuten sich und mich,
Straßenlaternen spiegelten sich in
Seifenlauge.
Während Autos meine Seifenblasen
hin und her tanzen ließen,
zog ich weiter.

Hinauf auf das höchste Dach,
hinein in den tiefsten Keller,
wo mochte die Aussicht besser sein?
Ich war neugierig und müde,
als ich um die Ecke bog.

Donnerstag, 16. März 2017

Eis isst man im Sommer.

Die Blumen und Pärchen
in Park und Anlagen irritieren mich, 
während Eis auf Haut tropft.
Eigentlich mag ich kein Eis, 
es ist kalt und nass und klebrig, 
zu süß für diese Jahreszeit.

Eis isst man im Sommer. 
Wenn Sonne vom staubgetrockneten 
Himmel knallt und es in der Straße 
zum Freibad hin nach tausendfach getrocknetem
Badezeug duftet. 
Wenn der Eismann abends, 
pünktlich um halb sieben vor der Haustür
klingelt und Kinder wie Erwachsene
Geld in die Höhe strecken, um 
Eine Kugel Vanille und einmal Schokolade, bitte!
freudig aus dem weißen Lieferwagen
heraus in Empfang nehmen.

Eis isst man im Sommer.

Wenn Schwalben wie 
Kamikaze-Flieger Manöver 
über Biergartengästen fliegen, 
wenn Glühwürmchen sich zärtlich
ihre Liebe geschehen 
und wenn in der Luft, 
zusammen mit unendlich fein gewebten Spinnen-
netzen ein Hauch Staubigkeit 
vermischt mit 
Sommergewitter liegt.

Der Tropfen Zitroneneis läuft mir
übers Handgelenk, 
träge schlecke ich 
ihm hinterher.
Ein Hund bellt in der Dämmerung.

Dienstag, 7. März 2017

Schneeglöckchen

Zwischen Schneeglöckchen, Erdklumpen und Eiskruste sudelte das Blut auf den Boden, das aus der gierenden Wunde zwischen ihren Schulterblättern quoll.
Zäh und langsam quälte es sich den Rücken hinab, hinterließ eine fragezeichengeschwungene Linie, die sich einem roten Faden ähnlich sogar über das Schneeglöckchenweiß erstreckte.
Sie würgte trocken, Tränen schossen ihr dabei in die Augen, wahrscheinlich das erste Mal.

"Du kannst mich mal!", ihre Kehle brachte nicht mehr heraus als ein Keuchen, das an das erstickende Schuhu einer Schneeeule erinnerte.

Er sah sie an, lange und irgendwie intensiv. Voller Gefühle, die sie nicht zu deuten wusste. Waren es Wut und Zorn? War es Trauer? Enttäuschung?
Während er zermürbend langsam den Kopf schüttelte, versuchte sie sich auf das Wesentliche ihrer momentanen Situation zu konzentrieren.

Wo war sie? Irgendwo in der Pampa, im Nirgendwo.
Kein Handyempfang,vermutete sie, wenn sie Glück hätte, GPS.
Wieso war sie hier? Ihr Kopf ratterte alles herunter, was er an Information über die letzten...acht, oder waren es neun? Stunden finden konnte.
Disco, Club, zu viel Alkohol - Fetzen, die ihr blitzlichtartig durch die Gedanken zogen und mit denen sie doch so wenig anfangen konnte.
Sie waren tanzen gegangen, wollten ein wenig feiern und ihren Spaß haben. Spaß.
All das schien ihr Jahre weit weg, gerade gab es nur sie, ihn und das Blut, das literweise aus der Klaffwunde auf ihrem Rücken sprudelte. Sie blickte unter sich und sah die rotgesprenkelten Schneeglöckchen.
"Scheiße!", entfuhr es ihr.

"Wunderschön, sehen sie aus, nicht wahr?"
Seine Stimme war ruhig und kratzig, hatte einen Hauch Monotonie an sich, der sie anwiderte. Zu viel Selbstverständlichkeit, zu viel Alltag.
"Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!"

"Einen Scheißdreck werd ich tun, du Monster!" Obwohl sie am ganzen Körper zitterte, kamen die Worte laut, deutlich und selbstbewusst zwischen ihren Lippen hervor.
Sie versuchte sich aufzurichten, bei jeder noch so kleinen Bewegung schienen sich abertausende Messer zwischen ihre Schultern zu bohren.

Stunde um Stunde zog an ihrem Auge vorbei, ohne dass sie sich richtig oder überhaupt daran erinnern konnte. Was war geschehen nachdem sie im Club angekommen waren?

Um sie herum Musik, mit der man Zimmerpflanzen zum Eingehen brachte und Kakteen sterben lassen konnte.
"Wer von euch wollte eigentlich hierher kommen?"
Worte, die leichtfüßig zwischen ein paar "Prost" dahingesagt waren.
Irgendwer hatte sie von hinten gegen einen ihrer Kumpels geschubst, eine Sekunde lang hatte sie dabei in ein Gesicht sehen können, ohne sich jedoch zu merken, wie es ausgesehen hat.
Ein Allerweltsgesicht, nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches.
Ein Mann mit Dreitagebart und stumpfen Augen. Vielleicht zugedröhnt, vielleicht auch nur betrunken oder am Nachdenken.
Sie hatte ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt, war zu sehr damit beschäftigt gewesen, mit ihren Kumpels Blödsinn zu machen.

Jetzt kniete sie auf der Erde, während ihr Blut die weißen Schneeglöckchen befleckte und sie schuldig aussehen ließ.




Sonntag, 5. März 2017

Zuhause in der Dunkelheit

Weit weg ihre Gedanken, als sie im Hier und Jetzt 
den Regen auf ihrer Haut spürt.
Die Tropfen tanzen in der Dunkelheit, 
die sie so vollständig umgibt und in der sie sich so zuhause fühlt. 
Zuhause in der Dunkelheit. Sie lächelt.
Nikotin brennt auf ihren Lippen - 
bitter, befreiend.
Noch ein Zug, ehe die Zigarette
verglimmt.
Im Wald hinter dem Haus 
fauchen Bäume im 
winterlichen Wind, 
sie singen und zischen, 
Äste knurren, 
ab und zu kann sie ein Käuzchen
hören. 
Zuhause in der Dunkelheit. 
Schauer kriechen ihr als 
Gänsehaut den Rücken hinunter.
Bin ich hier? Bin ich ich? 
Wo bin ich?
Ein Regentropfen platscht auf den
bloßen Arm und
hinterlässt Feuerbrennen.
Es ist Nacht, denkt sie, Schlafenszeit.
Kann ich mich verlieren, 
wenn ich schlafe? 
Sie schüttelt den Kopf. 
Mehr, um Gedanken zu vertreiben, 
als um eine Antwort auf 
ihre eigene rhetorische Frage 
zu finden.
Ich möchte die Dunkelheit umarmen, 
mich in ihr wohlfühlen, 
sie zu meinem Zuhause machen. 
Wortfetzen, die sie mit Angst erfüllen, 
obwohl sie aus ihr selbst kommen.
Zuhause in der Dunkelheit.


Donnerstag, 2. März 2017

Long Way down

Ihre Hand zitterte kaum noch, als sie nach dem Smartphone in den Tiefen ihrer Jeanstaschen kramte. Um sie herum flirrte die Luft im Wind, der sich seit einigen Stunden hartnäckig am Festsetzen war. Sie zuckte ein wenig zusammen, als die Fingerspitzen das Metallgehäuse des Mobiltelefons berührten.
Ein Blick auf das Displayfeld genügte ihr.
Wie wild blinkte die Benachrichtigungsleuchte, aggressiv in Cyanblau. Eine Pop-Up-Nachricht öffnete sich ungefragt und erhellte das  Schwarz des Displays.

"Alles gut bei dir?"

Sie schnaubte, leise, aber aus tiefster Überzeugung heraus, ehe sie das Fenster wegdrückte.
Alles gut. Alles gut?

Kurz zögerte sie, spürte, dass ihre Gedanken sich zusammenzogen wie dunkle Wolken es kurz vor einem Gewitter tun.
Eine Windböe vertrieb ihr heraufziehendes Gedankenunwetter jedoch, sie hatte ihr Gewitter bereits hinter sich.

*

Hektisch fing sich ihr Atem in der Maske, die sie sich über Mund und Nase gezogen hatte. Wozu eigentlich? Vielleicht wollte sie nicht erkannt werden, vielleicht ertrug sie den Gestank auch nicht. Einerlei, dachte sie und schmunzelte über ihre Wortwahl.
Für eine Sekunde ließ sie den Blick durch den Raum wandern, versuchte, ihn nicht mit ihren eigenen Augen zu sehen, sondern mit seinen.
Mit seinen dunkelgrünen Augen, die weit geöffnet waren und in denen Tränen funkelten. Die Augenbrauen  schienen ein Eigenleben entwickelt zu haben, abwechselnd hoben und senkten sie sich, möglicherweise im Gleichklang zu seinem Atem.
Belustigt, beinahe spöttisch sah sie auf ihn hinab. Kalt blitzten ihre Augen, um ihre Mundwinkel zuckte ein Lachen, wirr, irgendwie verrückt.
"Niemand hätte das gedacht, nicht wahr?" Rau hallten die Worte in der Dunkelheit wider, halfen ihr, sich wohlzufühlen.
"So sieht man sich wieder, in alter Frische, wie man so schön sagt."
Er versuchte dem Griff ihrer Hand in seinen Haaren zu entkommen - es war nicht mehr als das Winden eines Regenwurms auf dem Trockenen.
"Du magst doch Sprichwörter, mochtest du doch immer!" Sie hauchte es fast in sein Ohr, ihre Lippen berührten dabei sein Ohrläppchen. Wieder zuckte er zurück, sein Atem ging deutlich schneller, Würgelaute drangen aus seinem Mund.

"Was habe ich dir getan?" Ein Winseln, ein Flehen, ausgestoßen, um das erbärmliche Leben zu retten, auf das er so stolz war.

Sie lachte, laut und böse, der Griff in seinen Haaren verstärkte sich, sie riss seinen Kopf nach hinten, zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen.
"Du hast mir mein Leben zerstört!"
Brutal ließ sie das Haarbüschel los, das sich zwischen ihren hungrigen Fingern verlockend angefühlt hatte.

"Du hast mein Leben zerstört und dafür", sie flickte eine Kunstpause in ihre Worte, "wirst du nun büßen!"

*

Das Handy in ihrer Hand vibrierte, es schien ein Anruf zu sein, das Summen wollte nicht enden und war kurz davor auch  die letzten  funktionierenden Nerven zu ruinieren, die sie noch hatte.
"Was?", blaffte sie nach einer kurzen Wischbewegung in das Smartphone.
"Wieso reagierst du nicht auf meine Nachrichten?" Die Stimme am anderen Ende war aufgeregt und schien sie durch die Leitung stehenden Fußes in den Boden stampfen zu wollen.
"Du  bist nicht mein Kindermädchen!" Sie war kurz angebunden, wozu sollte sie sich rechtfertigen? War sie irgendwem auch nur einen Hauch Irgendwas schuldig?
"Ich hab mir Sorgen gemacht!" "Und ich hab dich nicht darum gebeten, dir Sorgen zu machen!" Keine Nähe, keine Wärme zulassen. Emotionen außen vor lassen.
Sie wusste was geschehen konnte, wenn sie sich auf ihre Gefühle verlassen wollte.

*

Einmal, zweimal hatte sie schon zugeschlagen, hatte sie ihrer Wut, all ihren aufstrebenden Emotionen freien Lauf gelassen. Sein Geschrei war süßer als jede Melodie, die sie zuvor in ihrem Leben gehört hatte.
"Schrei nur, schrei, und sing mir das Lied vom Leid!"
Verrückt und psychopathisch war ihr Lachen, während Blutfetzen und Hautbrocken auf ihren Kleidern kleben blieben.
"Du verdammte Schlampe!", röchelte er heiser und fing an, sich zu übergeben.
Ein Quell aus frischem Blut sprudelte zwischen seinen Lippen hervor, es erinnerte sie an diese kitschigen Springbrunnen in penibel gepflegten Parks, wo Menschen pseudo-glücklich allsonntäglich ihre Hunde und Gatten hin ausführten.
"Du hast mir Alles genommen, alles, was mir in meinem verfickten Leben was bedeutet hat! Du hast sie mir genommen, dafür wirst du sterben!"
Ihr Herz bebte, ihre Lungen brannten und sie konnte sein Blut trotz der Maske auf ihrer Zunge schmecken. Bitter und kalt, wie Rache serviert werden sollte.
Sie sah auf ihre Hände hinab, in denen sie das kleine, leichte Beil hielt.
7,99Euro hatte es gekostet, "Küchenbeil" hatte auf der Rechnung gestanden und in seinem Blau-Gelb erinnerte es eher an einen zu lang geratenen Minion, anstatt an ein Werkzeug, das den Tod im Gepäck hatte. Es wog nicht viel in ihren Händen, passte sich an die Handanatomie geschmeidig und angenehm an. Sie würde keine Blasen davon bekommen, selbst wenn sie längere Zeit damit hantieren müsste.
Rachlust, gepaart mit Mordwillen - herrlich diese Kombination, die in Verbindung mit ihrem inneren Psychopathen nahezu grenzenlos war.

Als würde sie zu einem   Matchball beim Tennis ausholen, schwang sie das Beil, die schneidige Klinge blitzte mit ihren Augen um die Wette. Dunkelrot auf Metall - ein befreiender Farbverlauf.

Sein Schrei war überwältigend und enorm, als die Beilklinge ihm den Schädel spaltete.
Hirnmasse mit Blut verteilte sich auf dem Staub des Bodens, ein dunkler Brei, der sich tief in seinen Untergrund fressen würde.

*

Während die Stunden vorüberzogen, prägte sie sich jedes Detail, jede Kleinigkeit, jedes Dreckkrümelchen genau ein, um es später jederzeit wieder abrufen zu können. Sie lehnte am Geländer der Brücke, die über den Fluss aus der Stadt hinaus führte. Obwohl sie auf die Wasseroberfläche starrte, nahm sie nicht wahr, was sie sah.
Auf ihren Lippen blühte wunderschön das erfüllende Lächeln von Wahnsinn und Rache.