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Sonntag, 5. März 2017

Zuhause in der Dunkelheit

Weit weg ihre Gedanken, als sie im Hier und Jetzt 
den Regen auf ihrer Haut spürt.
Die Tropfen tanzen in der Dunkelheit, 
die sie so vollständig umgibt und in der sie sich so zuhause fühlt. 
Zuhause in der Dunkelheit. Sie lächelt.
Nikotin brennt auf ihren Lippen - 
bitter, befreiend.
Noch ein Zug, ehe die Zigarette
verglimmt.
Im Wald hinter dem Haus 
fauchen Bäume im 
winterlichen Wind, 
sie singen und zischen, 
Äste knurren, 
ab und zu kann sie ein Käuzchen
hören. 
Zuhause in der Dunkelheit. 
Schauer kriechen ihr als 
Gänsehaut den Rücken hinunter.
Bin ich hier? Bin ich ich? 
Wo bin ich?
Ein Regentropfen platscht auf den
bloßen Arm und
hinterlässt Feuerbrennen.
Es ist Nacht, denkt sie, Schlafenszeit.
Kann ich mich verlieren, 
wenn ich schlafe? 
Sie schüttelt den Kopf. 
Mehr, um Gedanken zu vertreiben, 
als um eine Antwort auf 
ihre eigene rhetorische Frage 
zu finden.
Ich möchte die Dunkelheit umarmen, 
mich in ihr wohlfühlen, 
sie zu meinem Zuhause machen. 
Wortfetzen, die sie mit Angst erfüllen, 
obwohl sie aus ihr selbst kommen.
Zuhause in der Dunkelheit.


Sonntag, 23. Oktober 2016

Hörst du?

Hörst du den Wind ums Haus schleichen?
Hörst du die Katze des Nachbarn Mäuse jagen?
Siehst du den Nebel am Morgen, der sich sanft aus Baumwipfeln erhebt?

Hast du mal vom Morgentau gekostet, der glasfarben auf Wiesen glüht?
Erinnerst du dich noch wie es als Kind war, das erste Mal im Sommer barfuß über den Asphalt zu laufen?
Schmeckst du noch lieblich Zuckerwatte vom Jahrmarkt auf deinen Lippen?


Sonntag, 21. August 2016

Luftballon

Ich sah dem Luftballon nach, der vom Wind immer weiter in den Himmel getragen wurde. Mal kippte er nach links, mal nach rechts, nur um in der nächsten Sekunde wieder schnurgerade aufzusteigen. Der Faden an seinem Ende bewegte sich mit den Luftströmungen, mir war, als würde er zum Abschied winken.

Es war September geworden, irgendwie.  Juni, Juli und August hatten sich davon geschlichen, auf Samtpfoten, stolz wie eine Perserkatze. 

Meinen Luftballon konnte ich kaum noch erkennen, ein Farbklecks am Himmelsgrau, so weit weg von der Erde.
Schauer überliefen mich, ich spürte, wie der Wind die Fährte einer einzelnen Träne auf meiner Wange nachzeichnete. Sie trocknete schnell und brannte sich mir doch tief in Herz und Seele. 

"Mama, wirst du mich immer lieb haben?"

Die Frage hallte in meinen Ohren, wieder und wieder sah ich mich, meinem Kind über seine 
Wuschelhaare streichend. 

"Ich werde dich immer lieb haben!"
"Auch in tausend Jahren noch?" Seine Frage war  so voll kindlicher Sorge, dass sich mein Hals zuschnürte.
"Auch in tausend Jahren noch!" Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange, er drehte den Kopf unwirsch weg, dachte kurz nach. Seine Stirn legte er dabei in Falten und sah für einen Moment aus, wie ein sehr kleiner, sehr alter Mann in Batman-Pyjama.

"Mama...und wenn ich tot bin, wirst du mich dann immer noch lieb haben?" Ich konnte sehen, wie seine Augen, weit aufgerissen und so unglaublich grün,  nass wurden und seine Nasenflügel zu beben begannen. 
"Ja, mein Schatz, auch wenn du tot bist, werde ich dich immer noch lieb haben!" 
"Gut!" Er nickte und schmiegte sich zufrieden in meine Arme, eine Träne rollte einsam seine Wange hinab und landete auf einem der vielen Schläuche, die seit einigen Monaten zu seinem Körper gehörten.
Ich sah auf das Kind, das sich in meine Arme kuschelte und schluckte. Schluckte einfach alles hinunter, was sich in diesem Augenblick in mir aufbäumte, ich schob es nach hinten. Weit nach hinten, die Zeit würde kommen, alles hinauszulassen, aller Wut, allen Tränen, all den zu vielen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Es war September geworden. Und zusammen mit den Herbstwinden war meine Zeit gekommen. Meine Zeit, loszulassen, zuzulassen. Mein Kind in Frieden ziehen zu lassen.
Ich sah ins Himmelsgrau hinauf zu der Stelle, an der ich meinen Luftballon zum letzten Mal gesehen hatte und weinte.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Meerschmerz

Da ist er schon wieder, der kleine Gedanke an Wellen, Wind und Sand in den Haaren. An den frischen Duft von Möwenkacke, an Freiheit und Endlosigkeit. Den Sonnenaufgang im Sand sitzend bestaunen, noch Stunden später an derselben Stelle sein und Hunde und Menschen an sich vorüberziehen lassen. Gespräche und Kaffeearoma im Hintergrund, den Gesang der Meereswogen tief in die Seele atmend.
Da ist er wieder, der Traum davon, am Meer zu sein. Stunden Stunden sein lassen, alleine und doch nicht einsam. Am Abend beobachten, wie Verliebte in den Sonnenuntergang laufen und sich die unmöglichsten Versprechen in die Ohren säuseln. Wie sie gegen Luftmassen schreiten, die Füße im Wasser der Ebbe, Schuhe in der Hand. Vielleicht kritzeln sie ihre Namen in den Sand, nur damit der wenige Minuten später wieder zu einer glattgezogenen Fläche verschmolzen ist. Muscheln sammeln Hand in Hand, Lachen.
Da ist er wieder, der Wunsch, aufzubrechen, loszufahren, um dem Ruf der Wellen zu folgen. Nase im Wind, Haare voller Salz, Augen geschlossen.