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Samstag, 27. August 2016

Immer Donnerstag I

"Einen Milchkaffee, bitte!" Betty lächelt die Barista mit dem Halstuch in Himmelblau an. "Sehr gerne, darf es sonst noch etwas sein? Ein Stück Kuchen vielleicht?" Einen Moment überlegt Betty, schüttelt dann aber den Kopf. "Nein, danke, ich nehme nur den Kaffee." Die Barista nickt freundlich, stellt eine schöne, geschwungene Tasse unter die Kaffeemaschine und drückt den Knopf. Knatternd rattert  das Mahlwerk, Kaffeebohnen verlieren sich im Sog des Strudels, werden zu fein duftendem Pulver verarbeitet, um im nächsten Augenblick im kochenden Wasser die Metamorphose zu Bettys Bestellung zu vollenden. Während die Barista ein Milchkännchen aus Metall unter die Aufschäumdüse hält, tobt draußen in der Haupteinkaufsmeile der Stadt der Donnerstagmorgen.
Lieferwagen, Geldtransporter, Menschen mit Tüten in den Händen stehen sich gegenseitig im Weg und blockieren die Fußgängerzone. Baustellenlärm dröhnt, die Glasscheiben des Cafés halten nur wenig davon ab.
Bettys Blick ruht eine Sekunde auf dem Leben vor der Tür, kehrt dann aber in das Café zurück, köstlich duftend steht ihr Milchkaffee inzwischen auf der Theke vor ihr.
"2,80€, bitte!" Auch die Barista blickt zur Tür hinaus, eine Augenbraue hochgezogen. "Heute wird es wieder laut... Oh, Ihre Freunde sitzen schon alle da!" Betty drückt der jungen Frau mit dem Halstuch in Himmelblau drei Euro in die Hand. "Stimmt so!" Sie lächelt, die Barista lächelt zurück. "Ist mal wieder Donnerstag, nicht wahr?" Betty nickt, hebt ihre Tasse vorsichtig am Unterteller hoch und freut sich, dass sie neben dem Tütchen Rohrzucker -wie immer donnerstags- einen Keks findet. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und bis nächste Woche!", verabschiedet Betty sich, während sie aus der Tür hinaus und auf ihre Freunde am Tisch unter dem großen Sonnenschirm zugeht.

Dienstag, 19. Juli 2016

Erinnerung aus Eis

Erinnerung an Tage, die staubig waren und an denen man erst dann wieder zuhause sein musste, wenn die Lichter am Abend angingen. Die halbe Nacht auf der Straße sitzen und die Wärme des Asphalts durch den Radlerhosenstoff spüren,  während Fahrrad, Roller oder Inlineskates in der Rinne liegen. 
Die Augen schließen und denken, diese Zeit würde nie enden, nie würden die großen Ferien, sechs Wochen Unendlichkeit, zu Ende gehen. 
Wenn ich tief einatme, schmecke ich noch den süßen, duftigen und leichten Geschmack meines Kindersommers auf den Lippen. Sonnencreme, Planschbeckenwasser mit Fliegenleichen, Barfußlaufen. 
Beinahe kann ich unser Glücksgeschrei noch hören, wir waren unendlich glücklich.
Abends, wenn die Sonne nur noch verwoben durch den Dorfwald schimmerte und die Straßen der Siedlung in Sattgrün hüllte, lagen wir auf der Lauer. Silbermünzen fest in unsren Kinderfäusten, 1 Mark für zwei Bällchen Eis.
"Einmal Zitrone und einmal Schlumpfeis!" 
Cremig und blau genossen wir das Tageshighlight. Versonnen saßen wir auf Mauern und Straßen aufgereiht, barfüßig und dreckig, ohne Smartphone, ohne Internet, ohne WLAN. 
Wir schleckten Erinnerungen aus Eis, die bis heute nicht aus unserem Gedächtnis geschmolzen sind.