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Mittwoch, 7. März 2018

Einkaufsbummel

Mit ihren Louis Vuitton-Taschen balancieren sie die Fußgängerzone entlang.
Vorbei an all den Bettlern, Punks und Normalsterblichen, darauf achtend, mit den Hologramm-Schuhen von Versace nicht im Alltagstrott stecken zu bleiben.

Die Banane klebt ihnen am Hinterkopf wie Chanel No. 5 am Handgelenk und im Haaransatz.

Noch schnell zu Starbucks auf einen High-end-Kaffee - man gönnt sich ja sonst nichts.

Tütenweise chauffieren sie ihre wöchentliche Klamotten-Dosis aus den In-Boutiquen der Stadt nach Hause, standesgemäß im Porsche Cayenne. Sonderausstattung.

Ehe sie die Kiesauffahrt Richtung Villa erklimmen, ein Zwischenstopp im Feinkost-Bio-Laden - Lebensmittel von der Stange kommen ihnen nicht in den gelddurchtränkten Jutebeutel.

Verheißungsvoll knistert Seidenpapier auf dem Wohnzimmertisch, wenn sie den Gatten, müde geshoppt und hochadrenalisiert, die Beute präsentieren, die sie kommende Woche wieder zum Einkaufsbummel in die Stadt ausführen werden.


snowcakeofice.


Montag, 24. Oktober 2016

Sie schämt sich

Menschen strömen an ihr vorbei, der ein oder andere wirft ihr vielleicht einen Blick zu. Oder auch zwei, je nachdem.
Sie schämt sich. Für das, was sie ist. Für das, wofür sie steht. Sie schämt sich, wie sie auf dem Boden sitzt, einen Pappkarton unter dem Po, ein Kaffeebecher vor ihren Knien. Die rechte Hand nach vorne gestreckt, hin und her wippend, ein Flehen in den Augen. 

Der Morgen lief gut. Sie überlegt kurz, welches Datum wohl dick in den Kalendern der Geschäftsmenschen steht, die Aktentaschen schwenkend an ihr vorüber hetzen. Wahrscheinlich gab es vor ein paar Tagen Gehalt, denkt sie, während sie wie in Trance den Rotz unter ihrer Nase wegwischt. Natürlich mit dem Ärmel ihrer viel zu fadenscheinigen Jacke, die noch nicht einmal der ersten Herbstkälte Ende August standhalten konnte.
Zehn Euro und ein bisschen was zählt sie aus den Augenwinkeln in ihrem Kaffeebecher zusammen. Ungehört dringt ein Seufzen aus ihren Lippen, verhallt tonlos zwischen grauen Wolken und den Häuserfronten der Einkaufsmeile.

Ihr Bein kribbelt, irgendwie ignoriert sie es, weil sie weiß, der Schmerz, wenn es wieder wach wird, wird umso schlimmer sein. Alltägliche Mühen, geht ihr süßlich durch den Kopf. Bilder von Familienidylle, Sonntagmorgenfrühstück und Friede-Freude-Eierkuchen folgen.

Grau. Grau ist der Regen, der auf die Sraße platscht und sich in Pfützen sammelt, um unangenehm als Spritzwasser  unter Stiefeln und Sneakers hervor zu watschen. Es müffelt  nach nassen Hunden, durchweicht nach Socken und irgendwie abgestanden nach Stadt.
Sie verzieht das Gesicht und schaut einer jungen Frau dabei zu, wie sie versucht, Coffee to go, Regenschirm und Smartphone samt Kopfhörern zu koordinieren. Selbst als sie weg ist, folgt ihr Blick dem schwarzen Mantel durch den grauen Tag, ihr Hüftschwung erinnert sie ein wenig an sie. Damals.

Münzen klirren, Metall auf aufgequollener Pappe, eher ein Ploppen. Sie sieht auf, Gestalten, unförmig in Jacken gehüllt, beugen sich zu ihr, reden mit ihr. Reden mit ihr? Vielleicht. Oder doch nicht. Sie weiß es gar nicht, erkennt nur, wie Münder sich öffnen und schließen. Ob Worte herauskommen und die an sie gerichtet sind... Sie nimmt den Unterschied schon lange nicht mehr wahr.
Von ferne hört sie, wie ihre eigenen Lippen Wortklumpen hervorwürgen, in der Sprache, die sie verabscheut.

Sie schämt sich, und streckt der Stadt voller Trotz die wippende Hand entgegen.

Donnerstag, 29. September 2016

Der Junge

Ich fließe durch die Stadt, Samstagmittag. Horden von Teenagern jagen durch Shops und Boutiquen, tütenweise Schnäppchen schleppend. Familien mit kleinen und größeren Kindern flanieren Eis essend durch die Fußgängerzone. Wortgeblubber in Französisch, Deutsch, Englisch und Arabisch dringt an meine Ohren, während herbstlicher Wind Regenwolken davonträgt, die knallvoll über der Stadt hängen.
Knistern und Rascheln von Einkaufstüten untermalt die Monotonie von Musik, Räuspern, Husten und fröhlichem Geschnatter im Einkaufscenter. Hell und einladend ist die überdachte Ladenstraße, lockt mit mancherlei Angebot. Düfte, süß wie der Weihnachtsabend, wabern zwischen den samstäglichen Besuchern umher, verführen mit ihren Verheißungen. Brezeln, Kaffeeteilchen, Donouts, dazu lieblich Cappuccinodunst und Kakaosehnsucht.
Alles leuchtet und schillert, fast ist es eine Augenweide zuzusehen.
Ohne Hektik lasse ich mich treiben, mitreißen, fortspülen, wie Treibholz in einem Fluss. Wohin bringt mich die nächste Woge, wohin zerrt mich der übernächste Strom.
Smartphonemenschen mit Steifnacken strömen mir entgegen, vertieft in ihre Virtualität, während das Leben um sie herum in vollen Zügen stattfindet.
Irgendwo im ersten Obergeschoss bleibe ich stehen, muss mich orientieren. Boutiquen und Läden, soweit das Auge reicht. Jemand geht an mir vorbei, sein Geruch streift mich; irgendwas zwischen alter Pilzsuppe und Aftershave, das günstige.
Während mein Blick schweift, trällert auch mein Smartphone, ich ignoriere es.
„Mein Schatz, wir können uns das nicht leisten! Es geht wirklich nicht! Es tut mir Leid“
Ich hebe die Augen, versuche zu erkennen, wer die Worte gesprochen hat, die mir eine Gänsehaut verursacht haben. Die Stimme war hell und sanft, trotzdem robust, als wüsste sie, wie man den Strapazen des Lebens begegnet. Und definitiv die Stimme einer Frau, überlege ich, ehe ich sie sehe.
Zusammen mit einem Jungen, acht oder neun Jahre alt, steht sie ans Geländer gelehnt, hält seine Hand in ihrer und mit ihren Augen seinem Trotzblick stand. Ein wenig Traurigkeit zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, undeutlich nur, kaum wahrzunehmen um die Augen herum. Im Gesicht des Jungen spiegelt sich dagegen alle Traurigkeit der Welt, gepaart mit Wut und Unverständnis. Sein Kinn bebt, wenn ich das auf die Entfernung sagen kann, als würde er jede Sekunde zu weinen anfangen.
„Wir können uns das nicht leisten!“
Die Worte hallen in meinem Kopf nach, ganz langsam verarbeitet mein Verstand sie. Eine Mutter, die dem kleinen Jungen aus Geldnot etwas verwehren muss. Ein Impuls schiebt mir einen Kloß in den Hals, ich habe das Gefühl, kaum mehr atmen zu können.
Weder Mutter noch Sohn sehen arm aus, gute Mittelschicht, denke ich. Ordentlich sind die Schuhe, die Jacken waren wohl etwas teurer. Keine Markensachen, diesen Firlefanz kann man getrost in diesen Schickimicki-Läden ruhen lassen.
Dezent geschminkt die Mutter, die Haare des Jungen kurz und modisch verstrubbelt. Eine Jeanshose mit Spiderman-Gürtel, Grundschul-Chick.
Und dazu das Kopfschütteln der Mutter.
Beide schweigen, sehen sich in die Augen, bis der Junge dem Blick ausweicht. Langsam, kraftlos und kapitulierend nickt er, wickelt sich dabei fester in die Jacke, obwohl die Temperatur im Einkaufcenter angenehm ist. Sanft legt seine Mutter ihren Arm um seine Schultern, er lässt sie hängen. Liebevoll schiebt sie den Kleinen Richtung Rolltreppe, kommt mir entgegen.
Ich suche an des Jungen Stelle ihren Blick, lächele sie mild an. Beinahe entschuldigend sieht sie aus, senkt die Lider und fährt die Rolltreppe hinab, während ich meinen Weg in den Samstag nehme.

Mittwoch, 7. September 2016

Er sitzt

Auf seinem Hocker, zwischen all diesen Menschen, die vorüber hetzen und für die jeder Tag gleich ist, sitzt er. Tag ein, Tag aus. Er sieht Regen und Sonne, spürt den Wind auf seinen Wangen, obwohl er ihn schon lange nicht mehr wahrnimmt. Vielleicht seit zwei Jahren, oder doch seit zwei Jahrzehnten? Es spielt keine Rolle mehr, redet er sich ein, während ein Hund auf Augenhöhe an ihm schnuppert. 
Vor seinen Füßen stapelt sich Kleingeld im Kaffeebecher von Starbucks, achtlos hineingeworfen, ein Cent, zwei Cent, ein Euro. Von seinem Hocker aus kann er sehen, dass es noch nicht einmal genug sein wird für... Wofür eigentlich? Kaffee? Eine warme Mahlzeit? Tee? Schon lange wusste er nicht mehr, was er wirklich wollte, was sein Körper brauchte, wonach er verlangte. Hier und da schmerzte ihn der Rücken, die Knie taten ihm vom täglichen Sitzen weh, irgendwie waren sie steif und unbeweglich geworden.
Er reibt sich durchs Gesicht, rau, beinahe ledrig fühlt es sich an. Eine Sekunde erschrickt er, fängt sich aber schnell und lenkt seinen Blick zurück auf die Straße. Zurück zu den Menschen, die er schon lange nicht mehr verstehen kann. Seit zwei Jahren vielleicht, oder auch seit zwei Jahrzehnten. So genau weiß er das nicht mehr, eine Rolle hat es wahrscheinlich noch nie gespielt.
Er sitzt auf seinem Hocker, in der Stadt, und beobachtet Menschen, die leblos ihre Zeit vergeuden.