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Freitag, 22. März 2019

Strudel

(C) snowcakeofice_fotograefin.

Unsere Tage dauern 24 Stunden
und sind doch viel zu kurz.
Zu kurz, um all die Augenblicke und
Momente
intensiv auskosten zu können.
Zu intensiv sind sie,
um sie ungenutzt verstreichen
zu lassen.
Wir verfangen uns in Minuten,
wie eine Fliege im Netz
einer Spinne.
Wir kleben aneinander,
nicht bereit,
loszulassen.
Unsere Herzen schlagen,
im Gleichtakt,
unsere Gedanken
ergänzen sich.
Am Ende jeden Tages
stellen wir uns die Frage,
wohin all die Stunden
gezogen sind,
wo wir unsere
Minuten verloren
haben.


snowcakeofice.

Montag, 11. Februar 2019

Kornblumen-Romantik || Anti-Stadtkind

Am Autobahnrand blühten die Kornblumen und ich wusste, es war
Sommer.
Einer dieser Sommer, die Sonnenbräune einbrannten, als würde sie für die Ewigkeit in der Haut haften.
Wie die Kornbumen am Rande der von Blechlawinen überrollten Einöde,
war die Sonnenbräunen-Ewigkeit eine Lüge.
Ein Trugbild, das lange Abende mit Cocktails und Freunden vorgaukelte.
Im Kohlendioxid-Rausch schwangen die
Blaublütigen
sanft umher, neigten ihr Haupt
hierhin  
und
dorthin.

Ich schmeckte Sonne auf meinen Lippen,
dieser
einzigartige Geschmack,
für den es keine Worte gab,
ihn zu beschreiben.

Ein Stadtkind bin ich, dachte ich.
Dann parkte ich meine eigene
Blechlawine
am Straßenrand.

//

Während ich ausstieg, schlug mir
die Hitze der letzten Tage
unbarmherzig entgegen.
Abgestanden, schal und
muffig kam sie daher,
überfiel mich und machte mir
das Atmen schwer.

| Bin ich ein Stadtkind? |

Ich lief durch Straßen und Gassen,
es war noch vor zehn Uhr am Morgen, doch schon jetzt reflektierte
der Asphalt kochend die Wärme.
Atemlosigkeit hing wie eine
Erinnerung über allem.
Menschen schleppten sich,
samt ihren Einkäufen,
durch die Fußgängerzonen -
ihre Gesichter unentspannt wie
an einem vor Tristesse strotzenden Tag Mitte November.
Ich musste an Wald, Bäume und
freie Felder denken.
Wo Vögel sangen und
Kornblumen in Kornblumenblau
erstrahlen konnten.

Irgendwie wurde ich traurig.

Ich dachte an Bäche und verwunschene Flussläufe, 
wo die Zeit immer
stillzustehen schien.
Ich dachte an Strände und das Meer,
an Möwen und
feinen Seewind auf der Haut.
Einsamkeit - Abgeschiedenheit vielmehr-
war so viel reizvoller als
Betonklotzreihen,
die noch nichtmal vor Googles Street-View-Kamera
ansatzweise nett aussahen.

Bäume,
domestiziert und eingezäunt,
Sinnbilder städtischen Lebens.

snowcakeofice.


Donnerstag, 24. Januar 2019

Weißt Du...

Schlohweiß mein Haar,
ein Hauch Lila hat sich
in feinen Strukturen verfangen -
austauschbar.
Mein Style fällt auf,
wenn ich wie Du durch
Stadtgassen schleiche
- katzengleich.
Du sagst, du hast dein
Lebensallerlei
so satt.
Du erzählst mir Geschichten
von Abenteuern und Freiheit,
vom Lagerfeuer am Meer,
direkt hinter den Dünen.
Was hält dich von all dem ab,
will ich wissen.
Du zupfst dir eine Strähne
aus den Augen und ich
sehe, wie Dein Blick
stumpf wird.
Sollte er nicht leuchten und
glühen?
Du seufzt. Knabberst an deinem
Daumennagel.
Weißt Du... setzt Du an und
versäumst am Meisten, zu Dir
selbst
ehrlich zu sein.

Draußen ist es wundervoll,
es duftet nach Sommer, Wasser-
Melone und Lavendel.
Viel zu Schade, den Tag nur
in den eigenen vier Wänden
zu verbringen.

Weißt Du..., Dein Blick wird noch matter.
Ich habe keine Zeit dazu.

Keine Zeit? , frage ich dich.

Ich weiß, die Fragen sind dir unangenehm. Aber manchmal
muss man sich den un-
an-
genehm-
en Fragen des Lebens
stellen.

Ich helfe Dir dabei.
Ich bin da.

snowcakeofice.

Montag, 5. November 2018

Ich möchte mein Herz tanzen sehen


Wie jeden Morgen, verknautscht im Bett liegend,
mit dem Wecker diskutieren.
Zwischen zwei Snooze-Intervallen Sinn
und Unsinn des Sich-Erhebens abwägen,
um letztlich doch zu kapitulieren.

Raus aus Kissen und Decken,
hinein in die Realität.
Wie immer.

Kopf gesenkt, erstes Ziel: die Kaffeemaschine.
Zischend und fauchend füllt sich die Tasse
mit der dunklen Brühe, lebensrettend.

Im Radio melden sie eine Dauerbaustelle,
schon seit Wochen fordert sie die Geduld
der Menschen.

Der Tag ist grau und hell.
Wolken dekorieren den Novemberhimmel und
es fühlt sich an wie immer.
Ein Tag, wie jeder andere.
Ein Tag zum Arbeiten.
Wie immer.

Den Geschirrspüler anschmeißen,
ein paar Brotkrümel wegwischen -
für mehr ist keine Zeit.

Keine Zeit.
Dauerbaustelle.
Ein Tag wie jeder andere.

snowcakeofice.







Freitag, 24. März 2017

Seifenblasen in der Stadt

Ich lief Seifenblasen pustend
durch  Stadtstraßen und beobachtete,
wie der Tag unterging.
Längst waren goldene und blaue Stunde
vorübergezogen, Menschen
schalteten Lampen und Lichter
in Zimmern und Kammern an.

Abendbrotzeit,
Beisammensitzen und Stunden Revue
passieren lassen.
Zusammensitzen und streiten.
Zusammensitzen und Probleme wälzen.
Zusammensitzen.
Oder alleine auf einer Couch,
vollgestopft mit Kissen und 
Einsamkeit.

Der Duft nach Frühling überwältigte mich
und zerblies meine Seifenblasen.
Sie verteilten sich in alle Richtungen,
zerstreuten sich und mich,
Straßenlaternen spiegelten sich in
Seifenlauge.
Während Autos meine Seifenblasen
hin und her tanzen ließen,
zog ich weiter.

Hinauf auf das höchste Dach,
hinein in den tiefsten Keller,
wo mochte die Aussicht besser sein?
Ich war neugierig und müde,
als ich um die Ecke bog.

Sonntag, 5. März 2017

Zuhause in der Dunkelheit

Weit weg ihre Gedanken, als sie im Hier und Jetzt 
den Regen auf ihrer Haut spürt.
Die Tropfen tanzen in der Dunkelheit, 
die sie so vollständig umgibt und in der sie sich so zuhause fühlt. 
Zuhause in der Dunkelheit. Sie lächelt.
Nikotin brennt auf ihren Lippen - 
bitter, befreiend.
Noch ein Zug, ehe die Zigarette
verglimmt.
Im Wald hinter dem Haus 
fauchen Bäume im 
winterlichen Wind, 
sie singen und zischen, 
Äste knurren, 
ab und zu kann sie ein Käuzchen
hören. 
Zuhause in der Dunkelheit. 
Schauer kriechen ihr als 
Gänsehaut den Rücken hinunter.
Bin ich hier? Bin ich ich? 
Wo bin ich?
Ein Regentropfen platscht auf den
bloßen Arm und
hinterlässt Feuerbrennen.
Es ist Nacht, denkt sie, Schlafenszeit.
Kann ich mich verlieren, 
wenn ich schlafe? 
Sie schüttelt den Kopf. 
Mehr, um Gedanken zu vertreiben, 
als um eine Antwort auf 
ihre eigene rhetorische Frage 
zu finden.
Ich möchte die Dunkelheit umarmen, 
mich in ihr wohlfühlen, 
sie zu meinem Zuhause machen. 
Wortfetzen, die sie mit Angst erfüllen, 
obwohl sie aus ihr selbst kommen.
Zuhause in der Dunkelheit.


Dienstag, 24. Januar 2017

Gleis-Bett

Sein Blick schweift durch die Dunkelheit, in der er gerade noch Umrisse und Schemen erkennen kann. Schatten, die sich vor ihm verbergen, in seinen Gedanken wühlen und wüten. Ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. 
Nie.
Die Schatten seines Lebens... 
Er seufzt, als er an der kalten Zigarette zwischen den längst eingefrorenen Fingerspitzen zieht. 
Für eine Sekunde schließt er die Augen, schmeckt bitter Nikotin auf seinen Lippen und spürt Winterwind auf der Haut. 
Um ihn herum passiert das Leben, der Alltag. Menschen auf ihrem Heimweg stoßen an seine Schultern, nuscheln Entschuldigungen und eilen weiter. Dem nächsten unwichtigen Termin entgegen, zu der übernächsten Verabredung, um belanglos Kuchengabeln voller Kaffeestückchenkrümel in Münder zu schieben. 
Als er die Augen wieder öffnet, schwankt er für einen Moment, gerade lange genug, um den Bruchteil einer Sekunde zu füllen. Eine Ewigkeit. 
 *
Die Ansage am Bahnhof knurrt unhöflich, wirklich zu verstehen ist sie nicht. 
Schlecht gelaunt, oder was?, denkt er und muss beinahe grinsen. Beinahe. 
Ehe das Lächeln überhaupt die Chance hat, zu seinen Lippen, seinen Mundwinkeln vorzudringen, fallen Gedanken wie Harpyien über es her. Sie zerfleischen es, zerfetzen jeden noch so winzigen Funken Lachen. Sie löschen es aus, als hätte es nie existiert. 
Hat es denn jemals existiert? Er kneift die Augen ein wenig zusammen, legt die Stirn in Falten, versucht sich daran zu erinnern ob er irgendwann in seinem Leben einmal ehrlich gelächelt hat.
Als Kind vielleicht... Unbeschwert und frei. Frei sein, Freiheit, frei.
Von Sorgen und Ängsten. Von Hoffnungen und Befürchtungen. Frei von den Dämonen, die aus ihm selbst kommen und ihm... all diese Dinge antun. 
Diese Dunkelheit aus ihm selbst ist es, die ihm heute am meisten Angst macht. Bitter und kalt schleicht sie sich in seine Adern, verbreitet Nebel und Kopfschmerzen, setzt sich in seinen Gliedern fest, gräbt ihre Krallen tief in seine Magengrube.
Schwarz trieft sein Herz, wie die Lunge eines starken Rauchers. 
*
Kalt liegt das Metall der Schienen im Gleisbett. Züge rollen so tonnenschwer darüber, wie seine Seele in seinem Körper wohnt. 
Der Schotter vibriert fast elektrisch unter dem Gewicht, Gänsehaut breitet sich über seine Haut aus. Er spürt, wie sich fein die Härchen stellen, erst auf dem Rücken, dann über die Oberarme hinunter zu seinen Händen. 
Menschen stolpern aus den sich öffnenden Abteiltüren, hinaus in Kälte, Dunkelheit und Nacht. 
"Dieser Zug endet hier, bitte achten Sie auf die Ansagen am Gleis", quäkt monoton die Computerstimme, die schon wenige Minuten zuvor kaum zu verstehen war.

"Dieser Zug endet hier...", wiederholt eine Stimme in seinem Kopf - ein Stich durchfährt ihn irgendwie. Endet hier... Die Worte hallen in seinen Gedanken nach wie ein Echo, das nicht verklingen mag.

Endet. 
Hier.

Seine Unterlippe zittert, unwirsch berührt er mit dem Zeigefinger die zarte Haut. 

Tränenglitzernd wirft er einen Blick auf sein Handy, 19Uhr27, am 24.Januar 2017. 

 
 In seinem Kopf summt und surrt es, Chaos und Ruhe, Existenz und Nonpräsenz flackern auf, werfen ihm Wortfetzen und unvollständige Sätze zu, sie wimmern und betteln, befehlen und schreien. 
Sie schreien so laut wie nie zuvor, sie schreien, all ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihr Chaos hinaus.

Er schreit mit und lächelt, vielleicht das erste Mal in seinem Leben, während der 19Uhr28-Zug einfährt.

Dienstag, 10. Januar 2017

Blau bluten

Strahlend weiß war der Tag gestartet, hatte etwas Dumpfes über Straßen und Dächer der Ortschaften gezogen, während Autoreifen im Frischschnee versanken.
Gedämpft ratterten Motorroller über geeiste Fahrbahnen, rutschten über Schneeschollen und schlitterten quer durch den Morgenverkehr. 
Es war erst kurz nach sechs in der Früh, als sie sich irgendwie seltsam gelaunt auf den Weg in den Tag machte.

Scheibenwischer an, Scheibenwischer aus. Zu viel Matsch, zu wenig Nässe, Schlieren verteilten sich über das Glas der Frontscheibe, sie seufzte. 
Während sie über die rechte Schulter sah und ohne zu blinken auf die äußerste Fahrbahn zog, hupte es hinter ihr. 
"Blödmann...", grummelte sie in ihren Schal, der sich monstös über Lippen und Wangen gelegt hatte.
Null Grad Celsius zeigte das Autothermometer an, eine Winzschneeflocke blinkte daneben. 

Die Welt sah in ihrer Ruhe und Sanftheit nahezu märchenhaft aus in diesen frühen Stunden, gezuckert und harmlos. 
Als würde alles eine Sekunde den Atem anhalten, vergessen, weiterzuleben, starr- und stillstehen, um sich vielleicht auf den ein oder anderen Augenblick konzentrieren zu können. 
Leben, einfach leben. 
Vor ihr leuchtete die Ampel apfelrot, ehe sie zu Uringelb übersprang, um schließlich Limettengrün stehenzubleiben. Autos fuhren an, Motoren brummten, Abgase stiegen in Richtung der Dunkelwolken, aus denen Zauberzucker herausfiel.

***

Ihre Augen waren geschlossen, als Wasser heiß über ihren Körper rann und dieselben Spuren hinterließ, wie Regentropfen auf Fensterscheiben.
Ein Wenig blinzelte sie, als sie die Augen wieder öffnete. 

Blaue Adern zogen sich über ihre Arme, ein Netz aus Wegen und Gängen, ein Labyrinth, dessen Sackgassen nicht zu erkunden waren. 
Blauer und blauer wurden die Stränge, sammelten sich zu flussartigen Bächen, ehe sie glamourös in die Duschwanne platschten. Sie sah ihnen nach, vielleicht eine Sekunde, vielleicht fünf, gedankenverloren. 
Blaues Blut, schoss ihr durch den Kopf und sie lächelte. 
Blaublütig.
Blaublütig? 
Ein seltsames Wort, es gefiel ihr nicht, wollte nicht geschmeidig und anmutig über ihre Lippen rinnen, sträubte sich auf ihrer Zungenspitze und verwandelte sie in einen Seemannsknoten. 
Blau bluten.
Ich blute blau.
Sanft und weich murmelten die Worte von ihren Lippen, verteilten sich angenehm warm in ihrem Kopf und erfüllten irgendwie ihr Herz, an diesem seltsam mittelgrauweißen Schneedienstag. 
Ich blute blau. 

Samstag, 31. Dezember 2016

Abschluss

Ich atme tief ein, Nachtluft schneidet mir eisig in die Lunge, verteilt sich durch meine Adern im gesamten Körper. Für eine Sekunde schließe ich die Augen, genieße die Kälte.
Raureif glitzert über die Verbundsteine des Parkplatzes, schwach bewegen sich Flaggen, werfen Schatten neben mein Auto. In meiner Hand glimmt die Zigarette, wärmt Eiszapfenfinger während das Nikotin mich irgendwie schwindlig macht.
Es ist so still um mich herum, fast kann ich das Blut in meinen Ohren rauschen hören - beruhigend.
Über mir Abermillionen Sterne, die Milchstraße, die vielleicht schon vor so vielen Jahrzehnten erloschen ist. Es funkelt und leuchtet, ich fühle mich klein. Winzig und kalt, halb erfroren, und doch mitten im Leben. Auf diesem Parkplatz, nachts, um kurz vor eins.
30.12.2016 lese ich auf dem Display meines Handys, als es kurz aufblinkt. Bilder ziehen durch meinen Kopf, verschwinden aber wieder von der Leinwand, lassen mich zufrieden und glücklich zurück.
Während ich nach oben schaue, in diese unendlich schöne Sternenpracht, schließe ich mit 2016 ab. Still, eiskalt, nur für mich. Keine Knaller, keine Böller, kein Sekt. Keine Feier, kein Frohes Neues Jahr. Nur ich und meine Gedanken.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Unglück

Atemlos kam er zu sich, im Bett sitzend, seine Frau neben ihm. Sie schnarchte leise, wahrscheinlich lag sie auf dem Rücken. Mit einem Blick vergewisserte er sich, ja, Rückenlage, den Kopf nach hinten überstreckt. Eine Hand friedlich in die Bettdecke geballt, die andere irgendwo im Kopfkissen. Langsam beruhigte sich sein Atem, langsam bekam er seine Gedanken wieder unter Kontrolle. Ein Traum, mehr nicht. Ein furchtbarer Traum, der ihn aus der Bahn geworfen hatte. Er… War das Rauch, was sich schwer auf seine Lunge legte beim Einatmen? Er schnüffelte intensiver, schloss die Augen, um jede olfaktorische Schwankung wahrzunehmen. Rauch, eindeutig! Weiß und wabernd kroch er hinein in ihre Schlafzimmer, setzte sich im Läufer fest und vernebelte die Sicht zum Wandschrank. Vom Fenster fiel ein Lichthauch hinein, die Straßenlaterne schenkte der Nacht ihre LED-Kühle.
„Schatz, Liebling, wach auf!“, seine Stimme krächzte tonlos, als er sie unsanft an der Schulter wachschüttelte. „Es brennt!!!“, heiser und rau klang der Schrei, er hatte selbst keine Ahnung, woher er die Kraft nehmen konnte. „Wir müssen raus hier!“ Sein Hirn ratterte, während seine Frau sich im Bett langsam aufrichtete. Ihre Knochen taten immer so weh, jede kleine Bewegung kostete sie enorme Anstrengung. „Hm?“ Mit einem Satz war er aus dem Bett, woher kam nur all diese Energie? „Es brennt, Liebling, wir müssen aus dem Haus!“ Tränen traten in die Augen seiner Frau, ihr Mund verzog sich wie bei einem trotzigen Kind. „Warum!“ Keine Frage, sondern eine Aussage, die beinahe pampig im Rauch hängen blieb. Sie musste husten, das Beißen der Schwaden kroch in ihren Hals und von da aus in Bronchien und Lunge. Hier, zieh dir das über“, er warf ihr eine dicke Weste von sich selbst hin, mehr Zeit war nicht. Draußen dröhnte schon das Martinshorn der anrückenden Feuerwehr, Blaulichtschimmer überzog die Dächer der Nachbarschaft bereits. Ruhig, bleib ruhig, beschwichtigte er seine aufkeimende Panik, alles wird gut. Sein Blick fuhr gehetzt über Wandschrank und Rollstuhl, wie sollten sie das nur schaffen? Wahrscheinlich war in der Wohnung im Erdgeschoss, bei diesen Yuppies mit ihren ewig qualmenden Schundschloten eine Kippe auf einen Teppich gefallen. Oder sie waren eingeschlafen. Oder.. Keine Zeit, andere zu verurteilen, er musste handeln, ihr Leben hing davon ab!
Mühsam hatte seine Frau sich inzwischen auf die Bettkante gehievt und ließ ihr Bein auf den Boden hängen. Der Stumpf berührte die Matratze und reichte gerade ein kleines Stück darüber, die Schlafanzugshose bedeckte ihn jedoch. „Und jetzt?“ Sie sah ihn an, ihren Mann, der eigentlich eher ein Herr war. Ein feiner Herr, wie sie schon damals gedacht hatte, als er ihr in dem kleinen Fotogeschäft des erste Mal begegnet war. Ihre Augen fixierten ihn, sie suchte seinen Blick, suchte Antworten auf ihre Frage. Eingefroren in blaues Gletschereis schien der Augenblick, nur der Rauch quoll inzwischen dicker und schwärzer unter der Türspalte durch. Wenige Minuten waren erst vergangen, zwischen dem abrupten Aufwachen des Mannes und der Frage der Frau, die ohne ihren Rollstuhl praktisch verloren war. Steif und unbeweglich, mit trüben Augen und müde. „Wir müssen raus!“, fauchte er fast. Sie lachte, kalt und ohne eine Spur Humor in der Stimme. „Und wie?“ War es Verzweiflung, die sein Gesicht dunkler werden ließ oder benebelte der Rauch inzwischen auch ihre Wahrnehmung? „Ich hol‘ dich!“ Ohne ihr Protestieren abzuwarten, war er um die Bettkante herum und versuchte, ihren Körper in seine Arme zu wuchten. „Wir schaffen das, ja?“
Vor ihrer Schlafzimmertür polterte es, ehe ein Feuerwehrmann in den Raum gestolpert kam. Mit Atemschutzmaske und Taschenlampe rief er raus, ohne sich umzudrehen: „Zwei Personen, lebend im Schlafzimmer. Wir brauchen eine Trage!“

Montag, 12. Dezember 2016

Schwebend.

Während ich durch die Kälte laufe und der Wind mit meinen Haaren Fangen spielt, sehe ich sie an. Sie lächelt leicht, als hätte sie wundervolle Gedanken, die sie trotz der atemberaubenden Temperaturen innerlich warm halten. Das Septum in ihrer Nase sitzt schief - die schwarzen Kugeln haben sich irgendwie asymmetrisch verteilt, ein wenig muss ich kichern.
"Was?" Scheint ihr Blick zu fragen, den sie mir zuwirft, sachte schüttelt sie den Kopf und greift nach meiner Hand. "Eiszapfen...", murmelt sie beinahe empört und umschließt meine Finger mit ihren.
Mein Herz rutscht ein Stück, nur um fast im selben Moment wieder in die höchsten Höhen und noch viel weiter katapultiert zu werden. Allein ihre Berührung lässt meinen Körper summen und vibrieren und gibt mir das Gefühl, nicht mehr Herr meiner Sinne zu sein.
Ich fühle mich als würde ich durch eine Wand aus rosa Zuckerherzchen schweben, die so unendlich weich und zart sind, wenn sie meine Haut streifen. Sie schmecken süß und zuckrig und eigentlich viel zu irreal für diese Welt, die sonst irgendwie hart und kalt zu sein scheint. Oder zu sein schien? Eine Sekunde kneife ich die Augenbrauen zusammen - und erschrecke, als ich plötzlich einen Kuss auf meinen Lippen spüre.
"Du bist mein ganzes Glück!", haucht sie und während wir uns in den Armen liegen, zieht die Welt mit all ihren Geschehnissen an uns vorüber.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Im Regen zu tanzen

Herbstwind streicht mir durchs Haar, hinterlässt Gänsehaut auf meinen Wangen. Ich lächle der Sonne entgegen, die alles warm in Licht taucht, meine Augen blendet und irgendwie auch meinen Blick trübt.
Für eine Sekunde schließe ich die Augen, atme tief in den Herbst hinein. Irgendwann, zwischen April und Juli ist Oktober geworden.
Goldener Oktober, denke ich, während mir das Gestern durch den Kopf geht.

Schmuddelwetter, Regen, Dunkelheit. Den Tag über war es nicht wirklich hell geworden, ungemütlich und braungrau.
Beim Blick aus dem Fenster tanzten Schirme wie Konfetti durch die Straßen, Menschen patschten missmutig durch Regenpfützen.

Ich öffne die Augen wieder, Sonnenreflexe in den Augenwinkeln. Kühl ist es, der Duft von frischgeröstete Maronen dringt an meine Nase.
Um mich herum treibt Hektik Menschen voran; mit Tüten und Sorgen beladen ziehen sie an mir vorbei, verkrampfte Gesichter.
Irgendwie freudlos.
Aus ihrer Menge steche ich hervor. Eine Insel Mensch im Schneidersitz auf einer Parkbank im Stadtzentrum.
Blätter fliegen quer über Hauptstraßen, braungelb, ein Hauch Grün ist noch in ihnen. Ehe sie auf der Windschutzscheibe eines LKWs landen, sehe ich ihnen nach, beobachte kurz ihr Spiel im Wind.
So leicht wie das tanzende Laub fühlt sich mein Herz an. Warm und sonnig, als würden Sonnenstrahlen es umwinden, mir den Sommer in Körper und Gedanken zaubern.

Lass mich singen, lass mich tanzen, tirillieren Frühlingsstimmen in meinem Kopf.

Ich atme mit dem Wind, fliege mit den Blättern und schicke mein Herz auf eine Reise.
Zu ihr.
Zu ihr allein, wo Sommer herrscht, wo Sonne Haut wärmt und eine Brise lau über meine Haare streicht.

Regentropfen, kühl und nass, unterbrechen meie Herzreise - für einen Moment. Ich schaue auf, um mich herum ist es leerer geworden, Regenschirmkonfetti sprenkelt sich hier und da schon durch die Straßen.

Ein Lächeln spannt sich über mein Gesicht wie ein Regenbogen sich glänzend über Wälder und Dörfer spannt. Ich kehre zurück zu ihr, zu meinem Herzen voller Sommer.

Erst als der Regen strömt, erhebe ich mich, langsam, um im Takt der Regentropfen unter den dunkelhellen Wolken zu tanzen.

Montag, 12. September 2016

Ich dachte

"Ich dachte, du liebst mich!", sagte sie und sah ihn an.
Stumm und mit diesem Blick in den Augen, der ihn seit Monaten schier in den Wahnsinn trieb. Ihre Lippen schmollten, sie hatte wieder die Spottfalte um den Herzchenmund, den er zu Anfang so gerne geküsst hatte. Zu Anfang.
Er seufzte.
"Kannst du bitte mal was dazu sagen?" Die Stimme so voller Vorwurf, so voller... Er sparte sich die Mühe nach weiteren Beschreibungen zu suchen.
"Was soll ich denn sagen?"
"Vielleicht, wieso du deine Kollegin gevögelt hast?"
Wut. Wut lag in ihrer Stimme. Vorwurf und Wut, meistens waren es die beiden Färbungen, die ihr Tonfall annahm, wenn ihr Herzchenmund mal wieder Gehässigkeiten ausspie. Wie ein Drache, nur nicht ganz so liebenswürdig.
Er zuckte die Schultern, konnte sehen, dass sie das noch mehr in Rage brachte.
"Ich dachte, ich liebe dich...", griff er ihre Streiteingangsfrage auf. Immerhin konnte sie ihm nicht vorwerfen, er höre nicht zu.
"Was?!" Farblos war ihre Stimme plötzlich. Wie eine graue Ziegelsteinwald, von der man die Graffitis abgewaschen hatte.
Schlagartig wurden ihre Augen, in denen er schon vorher verdächtigen Schimmer festgestellt hatte, nass. Aus dem Saphirgrün perlten Tränen, hinterließen regentropfengleich Spuren auf ihrem Shirt.
"Ich dachte das mit uns wäre etwas Besonderes, etwas, das nur wir haben..." Hilflos nestelte sie an einem Fingernagel herum, riss ihn ab, während ihre Worte ertranken.
Er konnte es nicht leiden, wenn sie das tat. Mit hochgezogener Augenbraue beobachtete er eine Sekunde den Nagelrest, der sich in der Shirtfalte auf ihrem Bauch fing.
"Das war allein deine....Interpretation. Ich habe das so nie gesagt!" Cool und beherrscht lehnte er sich auf dem Sofa zurück.
"Es geht nicht darum, was du gesagt hast, sondern wie es rüberkam und  wie es sich angefühlt hat!" Sie weinte, als sie mit krausen Gedankengängen um sich warf. Der Damm war endgültig gebrochen, die Schleuse stand sperrangelweit offen.

Irgendwie hatte er Hunger. Vielleicht konnte er später noch mit Chris einen Döner essen gehen. Oder zu Bastian ein Bier trinken.
Ihr Schluchzen riss ihn aus seiner Abendplanung, richtig, hier gab es noch eine Schlacht zu schlagen. Das letzte Gefecht, sozusagen.
Sein Fremdgehen war mit einem Mal nicht mehr Vorwurf Nummer 1, dachte er in einem Anflug von Zynismus.
"Du hast mich nie geliebt Wirklich nie?" Rotz lief ihr aus der Nase, wanderte Richtung Herzchenmund. Er brauchte eine Sekunde, sich von dem Anblick zu lösen, ein Ekelschauer überlief ihn.
"Ich hab's versucht, ich hab's mir eingeredet", sein Blick ging nach unten, vielleicht war er ihr schuldig, so zu tun, als würde er die Tatsache, sie nicht lieben zu können, ehrlich bedauern. "Es hat nicht geklappt!" Ob seine Stimme sich so kalt anhörte, wie die Worte eisig aus ihm hervorsprudelten?

"Du hast es VERSUCHT?" Ihre Worte überschlugen sich, Tränenbläschen spritzten wie Meeresgischt  durch die Spannung der Luft.
"Bin ich so ein Ekel, dass man hartnäckig versuchen muss, mich zu lieben?" Die Mascara lief ihr in Strömen übers Gesicht, irgendwie hatte sie was von einem schwarzweißen Clown. Nein, berichtigte er sich. Clowns waren lustig. Oder zumindest gruselig. Sie war gerade einfach jämmerlich.

Er schüttelte den Kopf, wollte ihren Blick mit seinem festhalten.
"Hey..." Sollte er ihren Arm streicheln? Er machte Anstalten dazu, doch sie drehte sich entschlossen weg. Funken sprühten nun aus dem Spahirgrün ihrer Augen.
"Fass mich nicht an!", zischte sie. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sich ihr Nackenhaar aufgestellt hätte wie bei einer wütenden Katze.
"Ich bin fertig mit dir! Ich will dich nie wieder sehen!" Die Worte schossen ihm entgegen, schleuderten in Saltos um seine Ohren und schenkten ihm ein Gefühl von Freiheit. Freiheit, endlich wieder.
Langsam nickte er. "Okay."
"Mehr hast du nicht zu sagen? Nur "okay"?" Verachtung.
"Nein. Nur okay."
Er stand auf, sah sich nochmal in ihrem Wohnzimmer um, schnappte sich seine Autoschlüssel und das Smartphone. Ohne ein weiteres Wort verließ er die Wohnung, zog die Tür hinter sich ins Schloss und freute sich über das Geräusch, mit dem sie ihn verabschiedete.
"Ich dachte du liebst mich!", hörte er sie auf der Straße weinen.

Samstag, 20. August 2016

See mit M.


Zart wie Pusteblumenschirmchen berühren sich unsere Arme. Wenige Millimeter nur, doch mein Körper jubiliert. 
Endorphine, Dopamin, Adrenalin schießen als Chemiecocktail durch mein Blut; Happy Hour. Sie verkünden jeder noch so kleinen Zelle, flüstern es jedem Mitochondrium ins Ohr: verliebt. Glücklich. Endlos verliebt und daher glücklich.
Eine Verkettung von Zusammenhängen, Kausalkette, wäre man pingelig.
Ich muss schmunzeln über die Gedankenfetzen, die mir durchs Hirn jagen, sich dort überschlagen und mich zum Lachen bringen. Seit langem wieder, ehrlich, rein, erlösend.
„Was lachst du?“ Ihr Blick ruht auf mir, Dämmerungslicht färbt ihr Haar an den Spitzen rosé-braun.
„Nur so“, ich rücke ein Stück näher zu ihr, spüre die Wärme ihres Körpers. Mein Herz fühlt sich an, als wolle es vor lauter Glück, Glitzer und Kitsch zerspringen, als ich mich an sie schmiege.

„Nur so“, wiederhole ich, es ist fast geflüstert.
Sie dreht sanft meinen Kopf zu sich, küsst meine Stirn.

Völlig ruhig ist es um uns herum. Der Baggersee liegt alufoliensilbern, sein Ufer spiegelt sich; Bäume stehen auf dem Kopf. Wie meine Welt, seit sie ein Teil davon ist.
Frösche spielen lauthals Stille Post, ab und zu krächzt ein Graureiher.
Sacht versinkt die Sonne an diesem Feiertag hinter einer der aufgeschütteten Erdmassen, ihr Licht eine Mischung aus Orangerosa und Romantisch.

Ich streiche über ihren Arm, Härchen stellen sich unter der Berührung auf, sie drückt mich ein wenig fester an sich. Während ich die Augen schließe, um vollkommen in diesem unendlichen Moment zu versinken, zieht die Sonne an diesem Abend ihre letzte Runde. Die Nacht ist angebrochen. 

Freitag, 19. August 2016

Wenn nachts

Wenn nachts Fragen dich nicht schlafen lassen, wie fühlst du dich dann?
Zermürbt, zerknirscht, zerkaut und ausgespuckt? 
Wenn nachts die verdammten Schafe zu träge sind, über diesen Zaun zu springen, hinein in Träumereien, wie geht es dir dann?
Zerrissen, verloren und hoffnungslos?
Wenn nachts Ideen fließen und du Hochleistungseinfälle tetrisartig im Kopf stapelst, 
was denkst du dir?
Vergeblich, umsonst, zwecklos?
Wenn nachts der Mensch, den du liebst, sich zu dir dreht, um den Arm um dich und all deine Fragen zu legen, springt dann nicht dein Herz vor Glück?
Könntest du dann nicht deine traumlosen Schafe umarmen, deine Fragen wie Seifenblasen zerplatzen lassen und deine Ideen für den nächsten Morgen aufheben? 
Wenn nachts der Mensch, den du liebst, seinen Arm um dich legt, genieße mit ihm zusammen  Weichheit und Reinheit des Dunkel.

Sonntag, 31. Juli 2016

Ich wollte dich eigentlich anrufen...

Menschen ziehen an uns vorbei, wir streifen Schultern und Handtaschen. Irgendwo duftet es, nach was, weiß ich nicht genau. Vielleicht gedämpfte Karotten mit Ingwer. Oder Aubergine mit Schafskäse, wer weiß. Menschenmassengetrieben unterhalten wir uns, ehe wir im Sog der Gassen untergehen. Fremde Gesprächsfetzen mischen sich mit unseren eigenen, verwirren sich zu einem Kunterbunt aus Worten, Sprachen und Sätzen.
Mal hinter-, mal nebeneinander, eng beisammen oder in einigen Metern Entfernung schlagen wir uns durch das Dickicht aus Leibern und Haaren. Irgendwann ist es Abend geworden, wohin der Tag verschwunden ist, interessiert hier niemanden. Warm steht die Sonnenluft zwischen Häuserreihen, kaum jemand trägt schon seine Jacke.
Ich sehe sie vor mir, lasse sie nicht aus den Augen, in diesem Gewühl würden wir unweigerlich verloren gehen. Ihre Stimme hab ich im Ohr, klangvoll, melodiös. Ich versuche, ihre letzten Worte im Kopf zu behalten, um gleich zu unserem unterbrochenen Gespräch zurückzufinden.
Von einer kleinen Bühne her plätschert Musik zu uns, ein Klassiker, ich kenne das Lied, denke ich. Dabei habe ich keine Ahnung, wie es heißt oder von wem es sein könnte und trotzdem fühlt es sich an, als hätte ich nie was anderes gehört. In Gedanken summe ich den Rhythmus mit, mein Herz ist frei und leicht, unbeschwert und voller Sommer.
"Ich wollte dich anrufen, aber dann habe ich gerade an dich gedacht!"  Sie ist neben mir stehengeblieben, ihr Arm berührt sanft meinen. Ich schaue zu ihr, ziehe die Brauen fragend zusammen. "Mein Bruder schreibt mir das manchmal, wir haben so eine Abmachung..."
Energisch presst sich eine Dame an uns vorbei, schiebt uns ein Stückchen näher zusammen. Wir scheinen im Weg zu stehen, geht mir durch den Kopf. Und wenn schon.
"Was ist das für eine Abmachung?" Ich bin neugierig geworden..
"Ach, eine schöne eigentlich. Wir haben abgemacht, dass wir statt viel zu schreiben oder telefonieren einfach aneinander denken. Ganz unkompliziert."
In ihrem Blick spiegeln sich genau in diesem Moment, in dieser Gasse, auf diesem Kopfsteinpflaster zwischen all den Menschen unglaublich viele Gefühle. Ich genieße es, den Emotionsregenbogen eine Sekunde ungestört beobachten zu können, ehe er erloschen ist und Umgebung und Realität sie wieder eingeholt haben.

Freitag, 22. Juli 2016

Grundlos Lachen

Grundlos Lachen,
dabei verzieht sich das Gesicht
zu einer Grimasse aus Freude.
Grundlos lachen und
der Tag wird plötzlich so viel
schöner, als man geplant hatte.
Ein Lied, eine Erinnerung, ein Wort
und grundloses Lachen
verliert seine
Grundlosigkeit.

Freitag, 24. Juni 2016

RegenbogenKind

"Weißt du", sagte sie und sah mich an, "manchmal ist gehe ich durch die Stadt und denke, ich bin alleine." Ihr Blick schweifte irgendwohin, vielleicht sah sie den Tauben zu, die um ein Stück Brot balgten.  Im Dunkelblond ihrer Haare verfing sich ein Sonnenstrahl, flüssigem Bernstein gleich. "Aber dann schaue ich genauer hin, sehe in Gesichter und  finde die Menschen dahinter, mit ihren Leben und Geschichten. Und plötzlich erkenne ich sie, die Regenbogenkinder, die sind wie ich." Lag Erleichterung in ihrer Stimme?
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, sie seufzte.
Regenbogenkinder. Das Wort gefiel mir, es hörte sich leicht und luftig an, nach einem heißen Tag am See, der gemütlich mit Blitz und Donner endet, ehe er von einem Regenbogen gekrönt wird.
Regenbogenkinder.
Vereint im Bunt der Farben, vereint im Geist. Zusammengefasst unter einer Flagge, deren Motiv eines der schönsten Naturphänomene ist. Ein Zufall?
Ich schmunzelte und griff nach ihrer Hand. Sie zuckte leicht zusammen, wahrscheinlich hatte ich sie mit der Berührung aus ihren Gedanken gerissen. "Regenbogenkinder...", murmelte sie und streichelte meinen Handrücken. "Ein schönes Wort für..." "...uns! Uns alle!", vollendete sie meinen Satz, ihre Augen glänzten.

Dienstag, 21. Juni 2016

Die Kellnerin

"Ich nehme meinen Kaffe schwarz, danke!" Die Kellnerin nickt flüchtig, kritzelt etwas unleserlich auf ihren Notizblock. "Möchten Sie ein Stück Kuchen oder einen Muffin dazu?" Ihre Stimme ist nuschelig-verwaschen, als hätte sie die letzte Nacht nicht viel Schlaf bekommen. Ich schüttele nur den Kopf, sie eilt langsam zur Theke zurück und nimmt einen Schluck Wasser. Die Augen eine Mischung aus halboffen und -geschlossen, ich kann mich nicht entscheiden, welchen Ausdruck sie im Blick trägt. Gelangweilt? Desinteressiert? Übermüdet? Besorgt vielleicht?
Um die Mundwinkel herum scheint sie nahezu versteinert zu sein, nicht das sachteste Lächeln umschmeichelt ihre Lippen. Dabei würde ihr ein Lächeln, sei es noch so zaghaft, so gut stehen, geht mir durch den Kopf. Ich beobachte ihre Bewegungen, wie sie hinter dem Tresen meinen Kaffee zubereitet. Sie streckt sich, um an die Tasse zu kommen, dabei verrutscht ihre Schürze ein wenig und gibt ein Stück Jeans frei. Seufzend stellt sie Tasse samt Untertellerchen auf die Arbeitsfläche, wischt mit einem Geschirrtuch einmal durch. Beinahe kritisch wirkt der Blick, den sie dem Kaffeevollautomaten zuwirft, Wasserstand und Kaffeebohnenfüllmenge scheinen in Ordnung zu sein.  Sie platziert die Tasse unter dem Kaffeehahn und drückt auf einen der Silberknöpfe, blank und altmodisch. Ein Rattern, Knarren und Mahlen folgt, ich sehe, wie Kaffeebohnen in einem Ministrudel ins Innere der Maschine gezogen werden. Ihr Ächzen verrät mir, wie es mit ihnen zu Ende geht, ihr frisches Blut strömt heiß und dampfend in die weiße Tasse. Fein weht der Duft frischgemahlenen Kaffees zu mir an den Tisch, eine gewisse Vorfreude erfüllt mich.
Die Kellnerin wischt ihre Hände an der Schürze ab, kleine Wasserperlen spritzen ins Nirgendwo. Wahrscheinlich hat sie sich gerade die Finger gewaschen, für einen Augenblick war meine Aufmerksamkeit abgeschweift.
Das Brummen des kaffeespuckenden Automaten verklingt, ein letztes Klack und die Maschine hat ihre Arbeit vollendet.
Vorsichtig, um sich nicht zu verbrennen, greift die Kellnerin, ich schätze sie auf Anfang zwanzig, nach der Tasse und setzt sie behutsam auf dem Unterteller ab. Ihre Hand zuckt in Richtung der Besteckschublade, verharrt einen Moment darüber, um schließlich nach den Plätzchen zu greifen. Sie bewegt stumm die Lippen, vermutlich wiederholt sie gerade, dass ich meinen Kaffee schwarz trinken möchte.
Während sie mit Tasse und Plätzchen unterwegs zu meinem Tisch ist, wenige Schritte, hebe ich den Blick und schaue sie an. Eine Sekunde erwidert sie meinen Kontaktversuch, dann lächelt sie. Stellt den Kaffee etwas umständlich auf der Tischplatte ab. "Danke!" Ihre Hand streift nur Millimeter an meinem Arm vorbei, ich kann die Wärme spüren, die sie ausstrahlt. "Sie sollten öfter lächeln, das steht Ihnen ganz hervorragend!" Ihr Lächeln über das Kompliment vermischt sich mit dem Kaffeeduft und gibt dem Nachmittag ein ganz besonderes Aroma.