Sein Blick schweift durch die Dunkelheit, in der er gerade noch Umrisse und Schemen erkennen kann. Schatten, die sich vor ihm verbergen, in seinen Gedanken wühlen und wüten. Ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.
Nie.
Die Schatten seines Lebens...
Er seufzt, als er an der kalten Zigarette zwischen den längst eingefrorenen Fingerspitzen zieht.
Für eine Sekunde schließt er die Augen, schmeckt bitter Nikotin auf seinen Lippen und spürt Winterwind auf der Haut.
Um ihn herum passiert das Leben, der Alltag. Menschen auf ihrem Heimweg stoßen an seine Schultern, nuscheln Entschuldigungen und eilen weiter. Dem nächsten unwichtigen Termin entgegen, zu der übernächsten Verabredung, um belanglos Kuchengabeln voller Kaffeestückchenkrümel in Münder zu schieben.
Als er die Augen wieder öffnet, schwankt er für einen Moment, gerade lange genug, um den Bruchteil einer Sekunde zu füllen. Eine Ewigkeit.
*
Die Ansage am Bahnhof knurrt unhöflich, wirklich zu verstehen ist sie nicht.
Schlecht gelaunt, oder was?, denkt er und muss beinahe grinsen. Beinahe.
Ehe das Lächeln überhaupt die Chance hat, zu seinen Lippen, seinen Mundwinkeln vorzudringen, fallen Gedanken wie Harpyien über es her. Sie zerfleischen es, zerfetzen jeden noch so winzigen Funken Lachen. Sie löschen es aus, als hätte es nie existiert.
Hat es denn jemals existiert? Er kneift die Augen ein wenig zusammen, legt die Stirn in Falten, versucht sich daran zu erinnern ob er irgendwann in seinem Leben einmal ehrlich gelächelt hat.
Als Kind vielleicht... Unbeschwert und frei. Frei sein, Freiheit, frei.
Von Sorgen und Ängsten. Von Hoffnungen und Befürchtungen. Frei von den Dämonen, die aus ihm selbst kommen und ihm... all diese Dinge antun.
Diese Dunkelheit aus ihm selbst ist es, die ihm heute am meisten Angst macht. Bitter und kalt schleicht sie sich in seine Adern, verbreitet Nebel und Kopfschmerzen, setzt sich in seinen Gliedern fest, gräbt ihre Krallen tief in seine Magengrube.
Schwarz trieft sein Herz, wie die Lunge eines starken Rauchers.
*
Kalt liegt das Metall der Schienen im Gleisbett. Züge rollen so tonnenschwer darüber, wie seine Seele in seinem Körper wohnt.
Der Schotter vibriert fast elektrisch unter dem Gewicht, Gänsehaut breitet sich über seine Haut aus. Er spürt, wie sich fein die Härchen stellen, erst auf dem Rücken, dann über die Oberarme hinunter zu seinen Händen.
Menschen stolpern aus den sich öffnenden Abteiltüren, hinaus in Kälte, Dunkelheit und Nacht.
"Dieser Zug endet hier, bitte achten Sie auf die Ansagen am Gleis", quäkt monoton die Computerstimme, die schon wenige Minuten zuvor kaum zu verstehen war.
"Dieser Zug endet hier...", wiederholt eine Stimme in seinem Kopf - ein Stich durchfährt ihn irgendwie. Endet hier... Die Worte hallen in seinen Gedanken nach wie ein Echo, das nicht verklingen mag.
Endet.
Hier.
Seine Unterlippe zittert, unwirsch berührt er mit dem Zeigefinger die zarte Haut.
Tränenglitzernd wirft er einen Blick auf sein Handy, 19Uhr27, am 24.Januar 2017.
In seinem Kopf summt und surrt es, Chaos und Ruhe, Existenz und Nonpräsenz flackern auf, werfen ihm Wortfetzen und unvollständige Sätze zu, sie wimmern und betteln, befehlen und schreien.
Sie schreien so laut wie nie zuvor, sie schreien, all ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihr Chaos hinaus.
Er schreit mit und lächelt, vielleicht das erste Mal in seinem Leben, während der 19Uhr28-Zug einfährt.
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Dienstag, 24. Januar 2017
Gleis-Bett
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Freitag, 11. November 2016
Jack The Ripper
Es ist noch unglaublich früh, niemand sollte um diese Uhrzeit unterwegs sein, geschweige denn wach. Straßenlaternen erhellen den anbrechenden Tag, der sich langsam und ungemütlich seinen Weg durch Regenschleier bahnt.
Auf den Asphaltwegen der Stadt rollen die Blechlawinen, der erste Andrang ist inzwischen vorüber, die ersten Menschen schlürfen vielleicht gerade den zweiten und dritten Schluck Kaffee aus schlecht gewaschenen Bürotassen.
Sie zwirbelt an der Schnur der Kopfhörer, wie immer haben sich über Nacht wahre Knotenrudel in die schwarzen Kabel hineingewunden. Sie seufzt, ihre Finger sind eiskalt und das Entwirren fällt ihr schwer.
Scheiße!, flucht sie und umrundet eine Pfütze, die sie gerade so aus den Augenwinkeln entdecken konnte. Was für ein Morgen!, flüstert ihr durch den Kopf, als sie an der Bushaltestelle vorbeigeht und stumm Augenpaare ihr hinterher starren.
Erst waren beinahe zwei LWK mit ihrem Wagen kollidiert, dann hatte sie auf der Bundesstraße fast einen Fuchs überfahren. Zwei rote Ampeln und mehrere Flüche später parkte sie auf dem großen Parkplatz, wo man sie inzwischen tagtäglich antreffen konnte. Die Werkstatt gegenüber kam ihr schon vor wie unmittelbare Nachbarschaft, sie und die Arbeiter nickten sich zu, vielleicht konnte man im Sommer mal ein Bier zusammen trinken.
Tief hatte sie durchgeatmet, ehe sie den Rucksack auf den Rücken gezogen und auf die Fernbedienung des Autos gedrückt hatte.
Von ferne sah sie das Industriefeuer, das sie als Kind so fasziniert hatte. Wolkenschleier schoben sich vor die Flamme, die blaugrüngelbrot in die zu Ende gehende Nacht flackerte. Ein letzter Blick in die Fenster ihres Wagens, einmal das Spiegelbild überprüfen. Sie lachte, unwillkürlich.
Verdammt, war das kalt! Sie zittert, so sehr, dass sie ein klein wenig von ihrem Kaffee verschlabbert, den sie im Coffee to go - Becher vor sich her balanciert. Oder sich daran wärmt, je nachdem. Ein Bild für die Götter, wahrscheinlich. In der einen Hand, rechts, das Smartphone mit den endlos verquirlten Kopfhörern, in der anderen Hand, links, Kaffee. Halb dampfend, halb gefrierend, lebensnotwendig.
Sie nimmt einen Schluck der Koffeinbrühe, schließt die Augen, als sie das Elixier hinunterschluckt. Bitter und ungesüßt rinnt es ihren Hals hinunter, so wie sie es mag.
"She's been lonely and forgotten ever since/
But her beauty in the night light will remain"
Die beiden Zeilen aus Volbeats "Mary Jane Kelly" kommen ihr in den Sinn, im Kopf summt sie die Melodie mit.
Was für eine schöne Idee, einen Song über ein Opfer Jack the Rippers zu schreiben.
Sie lächelt.
1888 kann sie in Ziffern vor ihrem inneren Auge lesen - eigentlich war es eine spannende Zeit gewesen damals. Nicht anders als heute, irgendwie.
Mord, Totschlag, Krieg. Nichts Weltbewegendes und doch dreht sich der blaue Planet unaufhörlich, Jahr für Jahr.
In ihre Gedanken hinein rauscht der Zug, für den sie heute mitten in der Nacht aufgestanden ist. Niemand sollte um diese Uhrzeit unterwegs sein!
Auf den Asphaltwegen der Stadt rollen die Blechlawinen, der erste Andrang ist inzwischen vorüber, die ersten Menschen schlürfen vielleicht gerade den zweiten und dritten Schluck Kaffee aus schlecht gewaschenen Bürotassen.
Sie zwirbelt an der Schnur der Kopfhörer, wie immer haben sich über Nacht wahre Knotenrudel in die schwarzen Kabel hineingewunden. Sie seufzt, ihre Finger sind eiskalt und das Entwirren fällt ihr schwer.
Scheiße!, flucht sie und umrundet eine Pfütze, die sie gerade so aus den Augenwinkeln entdecken konnte. Was für ein Morgen!, flüstert ihr durch den Kopf, als sie an der Bushaltestelle vorbeigeht und stumm Augenpaare ihr hinterher starren.
Erst waren beinahe zwei LWK mit ihrem Wagen kollidiert, dann hatte sie auf der Bundesstraße fast einen Fuchs überfahren. Zwei rote Ampeln und mehrere Flüche später parkte sie auf dem großen Parkplatz, wo man sie inzwischen tagtäglich antreffen konnte. Die Werkstatt gegenüber kam ihr schon vor wie unmittelbare Nachbarschaft, sie und die Arbeiter nickten sich zu, vielleicht konnte man im Sommer mal ein Bier zusammen trinken.
Tief hatte sie durchgeatmet, ehe sie den Rucksack auf den Rücken gezogen und auf die Fernbedienung des Autos gedrückt hatte.
Von ferne sah sie das Industriefeuer, das sie als Kind so fasziniert hatte. Wolkenschleier schoben sich vor die Flamme, die blaugrüngelbrot in die zu Ende gehende Nacht flackerte. Ein letzter Blick in die Fenster ihres Wagens, einmal das Spiegelbild überprüfen. Sie lachte, unwillkürlich.
Verdammt, war das kalt! Sie zittert, so sehr, dass sie ein klein wenig von ihrem Kaffee verschlabbert, den sie im Coffee to go - Becher vor sich her balanciert. Oder sich daran wärmt, je nachdem. Ein Bild für die Götter, wahrscheinlich. In der einen Hand, rechts, das Smartphone mit den endlos verquirlten Kopfhörern, in der anderen Hand, links, Kaffee. Halb dampfend, halb gefrierend, lebensnotwendig.
Sie nimmt einen Schluck der Koffeinbrühe, schließt die Augen, als sie das Elixier hinunterschluckt. Bitter und ungesüßt rinnt es ihren Hals hinunter, so wie sie es mag.
"She's been lonely and forgotten ever since/
But her beauty in the night light will remain"
Die beiden Zeilen aus Volbeats "Mary Jane Kelly" kommen ihr in den Sinn, im Kopf summt sie die Melodie mit.
Was für eine schöne Idee, einen Song über ein Opfer Jack the Rippers zu schreiben.
Sie lächelt.
1888 kann sie in Ziffern vor ihrem inneren Auge lesen - eigentlich war es eine spannende Zeit gewesen damals. Nicht anders als heute, irgendwie.
Mord, Totschlag, Krieg. Nichts Weltbewegendes und doch dreht sich der blaue Planet unaufhörlich, Jahr für Jahr.
In ihre Gedanken hinein rauscht der Zug, für den sie heute mitten in der Nacht aufgestanden ist. Niemand sollte um diese Uhrzeit unterwegs sein!
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Mittwoch, 9. November 2016
Tanz
Herzklopfen,
Schmetterlinge tanzen mit mir durch
den Regen über glitzernden
Asphalt.
Mein Lächeln spiegelt sich
in Straßenpfützen
und den Augen der Punks,
die am Bahnhof
ihr Revier markieren.
Neben Zigarettenkippen und
abgebrannt neben Jointstummeln
leuchtet verschwendet Zeit,
die niemand zurückbringen kann.
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Samstag, 10. September 2016
Bahnhofs-Charakter
Am Bahnhof festkleben,
Keinen Schritt vor den anderen
Setzen können.
Flüssigkeiten verschiedenster Art,
Angetrocknet,
Flecke auf Verbundstein.
Es riecht nach Pisse und Verspätung.
Irgendwo raschelt das Burgerpapier von letzter Nacht
aufdringlich im Fahrtwind eines dahinkriechenden Güterzugs.
Dreckfetzen wirbeln unter der
Überdachung am Bahnhof,
Wo Schuhsohlen am Boden
Festkleben.
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