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Sonntag, 20. November 2016

Er

"Eigentlich sind wir auch nur alle Jäger und Sammler", sagte er in die Stille hinein, die plötzlich entstanden war. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, ich nahm einen Schluck Wasser aus meiner Evian-Flasche. Nichts anmerken lassen, waren in etwa meine Gedanken, so ganz konnte ich ihnen nicht folgen.
"Wie meinst du das?"
Er sah mir ins Gesicht.
"Wir jagen Sehnsüchten hinterher, um irgendwelche Trophäen sammeln zu können. Frauen, Geld, Macht, Sex. Jäger und Sammler eben."
Die Bitterkeit seines Blicks löste etwas in mir aus, das ich nicht näher beschreiben konnte. Mitleid? Neugierde?
Er schüttelte den Kopf, als habe er die Unterhaltung mit sich selbst längst beendet.
"Ich war zu naiv, als es mir so schlecht ging. Ich glaubte den falschen Menschen zu viele schöne Worte, anstatt misstrauisch zu sein und vorsichtig."
Ich rutschte ein wenig auf meinem Stuhl umher, hatte das Gefühl auf flüssigem Feuer zu sitzen.
Wahrscheinlich sollte ich das nicht hören, ich sollte dieses Gespräch nicht führen... Mein Verstand schrie mich förmlich an, bettelte, flehte.
"Als ich mir die Knarre an die Stirn gehalten habe, hat mich nur ein winziger Funke Verstand zurückgehalten..." Seine Stimme klang wie von weit her, als stünde er in einem anderen Raum, in einem anderen Leben. Seltsam tot schienen seine Augen, jegliches Leuchten war aus ihnen gewichen.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Song of the day

Der Hauch einer Melodie, vielleicht kombiniert mit ein paar Zeilen Text. Flüchtig im Autoradio aufgeschnappt, zwischen Ampelrot und Zebrastreifen, kaum hingehört. Doch gerade genug, um diese wenigen Worte nicht mehr aus dem kopf zu bekommen. Lippen schnurren lautlos Silben, Gedanken lauschen dem Text. Unvollständig und lückenhaft, wie ein verloren gegangener Liebesbrief. Ohne Adressat, ohne Ziel, ohne Sinn.
Das Netz durchforsten nach den Songzeilen, die Karussell fahren, immer rund und rund, ohne anzuhalten. Quietschend versagen die Bremsen, bis plötzlich - Erlösung.

Google zeigt 1.234.567 Ergebnisse an, der Song aus meinem Kopf ist Ergebnis Nr. eins.
Ich tippe irgendwie zittrig Interpret und Songtitel bei YouTube ein, halte eine Sekunde die Luft an, als das Verbindungsrädchen dreht. Videovorschauen ploppen auf meinem Display auf, wieder ist es Ergebnis Nr. eins.  Kaum geklickt ertönt die Melodie meines Kopfsongs, nach den ersten Takten nuschelt der Sänger die Worte, die mich den ganzen Tag begleitet haben.
Ich atme auf - kann sie endlich in einen Kontext einordnen, sie in ein Großes und Ganzes fügen, als hätte der verloren gegangene Liebesbrief doch noch seinen Empfänger erreicht.

Freitag, 16. September 2016

Stadt im Regen

Ich ging heute durch die Stadt.
Es regnete und ich hatte weder Schirm noch
Kopfhörer bei mir.
Tief in meine Weste gekuschelt folgte ich
meinen Füßen, die auf dem Nass des Bodens leicht dahinglitten.
Aus dem Sommer war inzwischen September geworden,
auch er war schon zur Hälfte vorbei.
Es duftete nach Stadtherbst, nach Blätternass
und Brezelschwaden,
nach Coffee to go und
neuen Schuhlieferungen bei Deichmann.
So frisch dekoriert sahen die Schaufenster
nett aus,  hübsch und adrett,
Stolperfallen einer heruntergekommenen Konsum-
gesellschaft. Ich warf ihnen nur einen Blick zu
und vergaß im nächsten Atemzug, was ich ich
gesehen hatte.
Oktoberfest war die Jahreszeit,
die die Menschen gerade feierten.
Weißwurst, Bierzelte, Weißblaue Rauten überall -
Fremdenscham statt Fremdenhass.
Meine Gedanken gingen zusammen mit mir spazieren,
als ich heute im Regen durch die Stadt lief,
ich atmete durch. Ließ jede Gedankennuance
zu Wort kommen, spürte jeder Illusion beinahe sehnsüchtig nach.
Menschen kamen mir entgegen,
ihre Gesichter irgendwie griesgrämig und eintönig,
dabei war der Regen so frisch und leicht.
Es war der erste Tag seit langem, der sich
Grau in Grau in Grau in Grau
präsentierte und nicht so richtig hell werden wollte.
Ich sah in die Gesichter des Menschenstroms,
gegen den ich schwamm, suchte nach Blicken,
nach Worten, nach Lächeln.
Ich suchte vielleicht nach Regungen menschlichen Daseins,
vielleicht ließ ich mich aber auch nur dahintreiben.
Ein Blatt im Wind,
ein Ast im Fluss,
eine Fliege im Spinnennetz.
Ich hielt einen Moment inne, ordnete meine Gedanken,
schüttelte den Kopf und ging weiter.
Nass waren meine Schuhspitzen inzwischen,
möglicherweise hätte ich nicht gerade weiße Stoffsneaker anziehen sollen,
heute morgen.
Vor einer Ewigkeit.
Ich ging durch die Stadt,
im Regen, während ich Menschen ansah und meine
Gedanken an der Hand neben mir spazieren führte.


Montag, 1. August 2016

Gefangen im Montag

So ganz spielte das Wetter heute nicht in ihrer Liga, mal war es zu kalt, dann wieder zu warm. Weste an, Weste aus.
Menschen schlurften an ihr vorbei, Schultern knietief hochgezogen, als würden sie sich in imaginären Mänteln verstecken.
Irgendwie war es schwül, irgendwie kühl und irgendwie montag. Eine Mischung, die sie an bitteren Tee erinnerte, den man zu trinken bekam, wenn man es im Magen hatte. Kamille oder Brennnessel.
Sie verzog das Gesicht, Geschmackserinnerungen aus ihrer Kindheit pelzten ihr die Zunge entlang und kräuselten ihre Mundwinkel. Energisch wie ein ausgelaugter Fisch schüttelte sie den Kopf, um Geschmack und Erinnerung fortzudrängen.
Montag. Erster Tag der Woche. Der Tag nach Sonntag. Der Tag, an dem statistisch gesehen die meisten Unfälle passierten. Oder war das Mittwoch? Auf jeden Fall ein Tag mit "M".
M wie Mordslust und Modebewusstsein, M wie Motivation und Mut.
Sie seufzte, dann kramte sie in ihrem Rucksack wieder nach der Weste und schlüpfte hinein. Das Wetter spielte heute echt nicht in ihrer Liga.

Dienstag, 19. Juli 2016

Pixel-Klumpen

Hab ich gerade richtig gehört und sie hat "Pixel-Klumpen" gesagt? Ich starre sie an und bemerke gerade noch im letzten Moment, in dem die Starrerei nicht peinlich ist, dass ich schnell wieder meinen wahrscheinlich leicht dümmlichen Blick von ihren Lippen lösen sollte. Ich schlucke, mein Mund ist ganz trocken. Doch, sie hat "Pixel-Klumpen" gesagt, ich bin mir ganz sicher. Sehr sicher. Vielleicht zu... 65%. Oder so. Ich seufze innerlich, mein Verstand hängt größtenteils immer noch an der Überlegung fest, ob es heute nicht die falsche Entscheidung war, die Bürobluse langärmelig zu tragen. Bei ungefähr 35 Grad Außentemperatur muss doch das innovativste und aluminiumfreiste Deo versagen! Oder? ODER?!
Ich kann dem Drang gerade noch widerstehen, den linken Arm zu heben, um eine Kurzkontrolle in Richtung Achsel zu unternehmen.
Konzentrier dich, sie redet mit dir. Sie redet und redet, Preislisten hoch, Formate wieder runter, als würde sie Klavier mit den Buchstaben und Zahlen spielen und sie zu attraktiven Angebotsmelodien vertonen.
Ich schaffe es, mich zu räuspern, streiche schwitzig eine Haarsträhne hinters Ohr und lausche wieder unkonzentriert ihren Worten.
PIXEL-KLUMPEN?!

Montag, 16. Mai 2016

Schönheit

Ich ging durch die Welt und dachte darüber nach, wie schlecht alles war.
Das Wetter an diesem Tag war klar und sonnig, ein Hauch Frühlingswärme setzte sich in meinem Gefühlschaos fest.
Mein Blick strich verschwommen über die Landschaft, ich hatte Mühe, ihre Schönheit und ihre Eleganz wahrzunehmen. Hinter meinem Kameraobjektiv befand ich mich in einer Art Parallelwelt, Sucher und Linse bewahrten mich vor der Realität.
Irgendwo knirschte es im Geäst der Birkenpflanzung.
Erst als ich einen Moment stehenblieb und die Ruhe auf mich wirken ließ, konnte ich es sehen.
Ich sah um mich herum, drehte mich im Kreis und atmete die Frische der Luft bewusst in meine Lungen. Tausend und abertausend Partikelchen funkelten und tanzten im Sonnenlicht, es sah aus wie Feenstaub. Aufgewirbelt, um wahrgenommen zu werden.
Mein Herzschlag wurde ruhiger, meine Gedanken stoppten ihre Raserei, ich ließ mich nieder und dachte darüber nach, wie wunderschön doch alles sein konnte.