Montag, 5. November 2018

Ich möchte mein Herz tanzen sehen


Wie jeden Morgen, verknautscht im Bett liegend,
mit dem Wecker diskutieren.
Zwischen zwei Snooze-Intervallen Sinn
und Unsinn des Sich-Erhebens abwägen,
um letztlich doch zu kapitulieren.

Raus aus Kissen und Decken,
hinein in die Realität.
Wie immer.

Kopf gesenkt, erstes Ziel: die Kaffeemaschine.
Zischend und fauchend füllt sich die Tasse
mit der dunklen Brühe, lebensrettend.

Im Radio melden sie eine Dauerbaustelle,
schon seit Wochen fordert sie die Geduld
der Menschen.

Der Tag ist grau und hell.
Wolken dekorieren den Novemberhimmel und
es fühlt sich an wie immer.
Ein Tag, wie jeder andere.
Ein Tag zum Arbeiten.
Wie immer.

Den Geschirrspüler anschmeißen,
ein paar Brotkrümel wegwischen -
für mehr ist keine Zeit.

Keine Zeit.
Dauerbaustelle.
Ein Tag wie jeder andere.

snowcakeofice.







Freitag, 27. April 2018

Dancing through the trafficlights

Augen geschlossen, ich spuere die Stadt auf der Haut.
Autoabgase und Menschengeschnatter, das die Luft erfuellt.
Gespraechsfetzen, die durchmischt und miteinander verwoben
einen neuen Sinn ergeben.

Ich moechte mich dem Rausch der Stadt ergeben,
mich hingeben und mit jedem Atemzug
das Hier und Jetzt erleben.

Spueren, wahrnehmen,
lauschen.

Irgendwo lacht ein Kind,
es springt froehlich hinter Stadttauben her,
sein Gekicher ist ansteckend.

Eine alte Frau bleibt stehen,
verharrt einen Moment in der
Froehlichkeit des Kindes.
Vielleicht erinnert sie sich
an ihre eigenen Kinder,
ehe sie gross und selbststaendig waren.

Der Trubel des Nachmittags zieht mich
in seinen Bann,
ich moechte mich darin verlieren,
eins mit ihm sein und doch
beobachten.

Menschen, Gefuehle,
Emotionen.

Die Sonne wirft ihre Schatten
auf Haeuser und Autos,
ich lasse meinen Geist mit ihren
Strahlen fliegen.

Freitag, 23. März 2018

Bad weather.

Augen zu, ich drücke aufs Gaspedal.

Die Sonne geht gerade auf, ich fahre in das Rotglühen des Himmels - das Wetter wird schlecht heute.

Linke Spur, Vollgas.
Oder fast, der Hyundai vor mir bremst mich aus.
Vollidiot.
Ich bin genervt, will weg, einfach weg.

Kilometer um Kilometer ziehen an mir vorbei,
im Rückspiegel verabschiede ich mich leise von ihnen.
Macht's gut, wir sehen uns.

Augen auf, ich bin müde.

Ein Schluck Kaffee aus dem heimatlichen Coffee-To-Go-Becher.
Kein Zucker, ein Schuss Kondensmilch, zweimal gerührt.

Ich öffne das Fenster, Morgenluft mit Abgasen und Benzin erfüllt schnell das Wageninnere.

Das Radio spielt mir das Lied vom Tod, ich würde mich gerne berauscht fühlen.
Doch stattdessen eisklare Gedanken, sie klirren in meinem Kopf und lassen die Zähne klappern.

Sechster Gang, 160km/h. Mein Ziel liegt irgendwo,
hinter meinen Gedanken, vielleicht.
Direkt links neben den Gefühlen.

Inzwischen steht die Sonne höher, der Feuerball, gebettet in Zuckerwatte.

Während ich auf den Endzeithimmel zusteuere, läuft im Radio Stairway to Heaven.

snowcakeofice.

Donnerstag, 8. März 2018

Spotlight - on air.

Spotlight. (C) mondprinzessin



Im Rampenlicht stehen, sich im Scheinwerferlicht sonnen und sich von Blitzlichtgewitter umschmeichelt fühlen - der Traum vieler Mädchen.
Junger Mädchen. Älterer Mädchen. 

Meiner nicht mehr.

"Hey Zoey, Rigatoni-Toni? Ich lade dich ein", plapperte mir die Stimme meines besten Freundes entgegen. 

Mein Kopf rauchte, mein Magen rebellierte. Die letzte feste Mahlzeit lag einige Tage in der Vergangenheit -  die Reste davon sogar noch im Mülleimer. 

Noch eine Minute zuvor hatte ich brütend über eine Klausur vertieft gesessen, die Fingerspitzen tief in den Kugelschreiber vergraben, den ich letzte Woche erst in der Bibliothek gefunden hatte. 
Literweise Schweiß waren gefühlt in das kratzige Plastik geflossen, das die Mine ummantelte.
Ich spürte, dass ich zitterte vor Adrenalin - und Hunger. 
Essen, mein Körper schrie förmlich nach Nahrung. 

Torben stupste mich an, ich war ihm noch eine Antwort schuldig. 

"Nein - ja- ach, ich.. Nein, ich hab heute noch Etwas vor, ich..ich gehe essen", wich ich ihm aus. 
Und hasste mich im selben Augenblick für die Lüge.

"Ach ja? Das wäre ja ganz was Neues!" Torbens Lachen klang weder lustig noch fröhlich.  
Ich wusste, dass er sich Sorgen um mich machte  und mir das auch bei weitem nicht verheimlichte. Im Gegenteil. 

"Die ganze Scheiße macht dich doch vollkommen kaputt!" In seinem Blick Angst und Verzweiflung. 

Ich wollte beides nicht sehen. 

"Ich hab das im Griff, okay? Ich weiß, wie weit ich gehen kann und ich weiß, wo meine Grenze ist! Ich brauche keinen Aufpasser und Babysitter - danke!"

Ich. Ich. Ich. 

Ich hatte die Kontrolle über mein Leben verloren - an den Job meines Lebens. 

Oder anders - an den Job, der mir mein Leben genommen hatte. 

snowcakeofice.

Mittwoch, 7. März 2018

Einkaufsbummel

Mit ihren Louis Vuitton-Taschen balancieren sie die Fußgängerzone entlang.
Vorbei an all den Bettlern, Punks und Normalsterblichen, darauf achtend, mit den Hologramm-Schuhen von Versace nicht im Alltagstrott stecken zu bleiben.

Die Banane klebt ihnen am Hinterkopf wie Chanel No. 5 am Handgelenk und im Haaransatz.

Noch schnell zu Starbucks auf einen High-end-Kaffee - man gönnt sich ja sonst nichts.

Tütenweise chauffieren sie ihre wöchentliche Klamotten-Dosis aus den In-Boutiquen der Stadt nach Hause, standesgemäß im Porsche Cayenne. Sonderausstattung.

Ehe sie die Kiesauffahrt Richtung Villa erklimmen, ein Zwischenstopp im Feinkost-Bio-Laden - Lebensmittel von der Stange kommen ihnen nicht in den gelddurchtränkten Jutebeutel.

Verheißungsvoll knistert Seidenpapier auf dem Wohnzimmertisch, wenn sie den Gatten, müde geshoppt und hochadrenalisiert, die Beute präsentieren, die sie kommende Woche wieder zum Einkaufsbummel in die Stadt ausführen werden.


snowcakeofice.


Mittwoch, 25. Oktober 2017

Kursiv

Dunkelheit umgab sie, zusammen mit Rauch, der in Kringeln um ihren Kopf aufstieg. Irgendwo gluckerte es, Wasserrohre. 
Jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken, selbst ihr eigener Atem sorgte für Gänsehaut, die sich ihr tief in die Magengrube einpflanzte. Wann war es Abend oder sogar Nacht geworden?
Sie tippte auf das iPhone auf dem Tisch vor ihr, sein Leuchten schmerzte in den Augen und sie musste blinzeln. Kurz nach Mitternacht. 
Seit wann saß sie hier? Ihre Finger waren taub vor Nässe und bebten vor Kälte. Vergeblich versuchte sie, sich am Zigarettenstummel zu wärmen. 

Irgendwo in der Ferne konnte sie einen Lichthauch erkennen, unwirklich und unnahbar. Eine Familie, die über einem Spieleabend die Zeit vergessen hatte. Menschen, die miteinander diskutierten oder vielleicht gerade von der Spätschicht  nach Hause gekommen waren. 
"Hallo Schatz, ich bin daheim. Wie war dein Mittag?" 
Floskeln, die zwischen Kühlschranktür und Feierabendschnaps hin- und herflogen und die Beständigkeit eines Schneemanns im Sommer hatten. 
Sie seufzte und zog die Beine auf dem Gartenstuhl näher zu sich heran. Deutlich konnte sie den Herbst spüren, der schon fast im Begriff war, zum Winter zu werden. Zart wippte sie hin und her, nagte an der Unterlippe, auf der noch ein Rest des schokoladenfarbenen Lippenstiftes war, den sie heute Morgen aufgelegt hatte.
Heute Morgen. 
Wann war das schon?

Stunden waren vergangen, seit... Ja, seit wann eigentlich? 

Sieh hin, sieh es dir an! Etwas Kleines, aber unheimlich Lautes in ihrem Kopf zwang sie, den Blick nach unten zu richten. Obwohl sie so viel lieber weglaufen und sich irgendwo verstecken wollte, blickte sie nach unten. Schmerz durchfuhr sie ruckartig, sie rang nach Atmen. Rang nach Leben, wie die Kreatur unter ihr noch vor wenigen Minuten. 
Schau genau hin, was kannst du sehen?
Halt die Klappe, sei still! Kein Ohrenzuhalten der Welt konnte ihr helfen, kein Zähneknirschen, kein Brüllen. 
Sollten ihre Augen sich nicht mit Tränen füllen und sollte sie nicht eigentlich Angst und Scham, vielleicht Reue empfinden? Bitterkeit stieg in ihr hoch, vergiftete ihre Gedanken und ließ sie kalt lächeln. 
"Dein Wimmern war...erbärmlich!",stieß sie zwischen ihren Schneidezähnen hervor, die so fest zusammengepresst waren, dass ihr der Kiefer wehtat. 
Sie stupste das Bündel vor ihr mit dem rechten Fuß an, es gab unter der Berührung leicht nach. Das Schnauben, das ihr entrang, war verächtlich. 
"Du hast gedacht, dein Betteln würde dir helfen!? Du hast wirklich gedacht, ich würde meine Meinung ändern, nur weil du `Bittebitte` gewinselt hast?" 
Unruhig ging sie auf und ab, an ihrer Fußspitze klebte eine Mischung aus Staub, Blut und Wut. 
Beinahe bedächtig schloss sie die Lider, sah weiße Blitze vor sich und dunkelgrüne Mandelaugen, die sie angsterfüllt anstarrten. Mandelaugen, kalt und regungslos, verloren in Ausdruck und Gedanken. 
"Fick dich!", hatte sie gehaucht als sie mit ihrem Messer weiße Haut durchtrennte. Sanft und leicht war die Klinge durch Gewebe und Hautschichten geglitten, hatte Fasern zerschnitten und Hoffnungen zerstört. 
"Zeig mir dein Lächeln", ihre Stimme war ruhig und erregt vor Freude gewesen, ihr Werk zu Ende zu bringen. Ihr Werk. Ihre Arbeit. Ihr Stolz. 

Erst als Blut quoll und sich mit Staub zu einer Masse verband, war sie zu sich gekommen. Hatte auf das Messer in ihren Händen geblickt und auf das Menschenknäuel, das sich zu ihren Knien zur Seite krümmte. 
"Fuck!" 

Stundenlang hatte sie neben dem toten Körper gesessen, gekniet, gelegen. Ihren Kopf auf die Brust gelegt, die sich nie wieder heben und senken sollte, um frische Sommerluft nach einem Winter voller Schnee und Glühwein einzuatmen. 
Narzissenschwer war ihr Herz für den Bruchteil eines Augenblicks geworden. 

Sie zündet die letzte Zigarette an, die sie in dem John Players-Päckchen finden kann, das seine besten Zeiten bei weitem hinter sich hat. Der blaue Dunst in der Nachluft tanzt mit dem Mondlicht und sieht gespenstig und mild aus. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und sie zieht die zerschlissene Wolldecke fester um ihren Körper. 


Montag, 14. August 2017

Leuchtturm

Städte liegen uns zu Füßen 
auf unsrem Roadtrip, 
wir bezwingen Meer und Wind und Sand. 
Wir tauchen ein in Wunderwelten 
und Extrema.

Während wir handverschlungen 
durch Amsterdams Straßen flanieren, 
feiern wir uns. 
Hinein in den Sonnenuntergang, fünfundvierzig 
Minuten Bibliotheksruhe genießen, 
Ausblick vom Dach. 

Meerduft folgt uns, 
wohin unser Weg auch führt.
Ich schaue sie an, vollendet glücklich, verliebt,
während ihre Augen fest auf die Straße gerichtet sind.

Unterwegs Richtung Freiheit, 
Unterwegs Richtung Glück. 


03.08.2017